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Boston Medical Library
8 The Fenway
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D.* Hermann Fr. Kili^n ,
Arzt vom Post-Dcpftrtciiic'iit S r. Ruf?. Kais. Majestät, mchrcver gelehrten
Gescllscliaftcn Mitglied u. s. w.
TT E B E I\ D E N
KREISLAUF DES BLUTES
I M K I N D E ,
WELCHES NOCH NICHT GEATHMET HAT.
Multa sacro tegit involucro natura , nee ullis Fas est scire quidem mortaljbus omiiia : multa Admirari modo, nee nou veneraii.
Mit zehn lithographirten Tafeln.
RARLSHUHE,
Verlag der Chr. Fr. MÜLLER'schen Hofbuclihandlung.
18 2 6.
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OCT2 9lg2a I )
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V o r r e
e.
Das Gebiet der Wissenschaften kennt im mensclilichen Gemütlie nichts , was so sehr jedem glückhchen Gedeihen entgegenstrebe, was iinheilsvoller nud schneller das weitere Fortschreiten des lahrhunderts hemme, als Eigen- dünkel und Selbsttäuschung. Sie sind das Gift welche das kräftigste Leben tödten, sie sind es, welche im tiefen Dunkel an der Wurzel des Guten na- gen und sie sind es , die mit hämischer Freude das Licht der Aufklärung zu verdunkeln und zu verlöschen trachten. Ja für wahr ! seUost der siegen- de Geist der Wissenschaft vermag uns nicht empor zu heben und zur Er- kenntnifs der Wahrheit, diesem alleinigen Ziele unseres ganzen irdisclien Strebens , hinzuleiten , so lange jene beiden Feinde in der eigenen Brust noch fortleben. Es ist daher die Pflicht eines Jeden , dem sich die passen- de Gelegenheit darbietet, unermüdet diese allgewaltige Hyder zu bekämp- fen und gegen sie unsere Stimme zu erheben , wenn auch gleich die täg- liche Erfahrung die traurige Gewifsheit giebt, dafs Worte schnell verhallen
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und der Angenscliein es lehrt, dafs dieses Loos besonders den Jüngeren. Schriftsteller trifft. — Jedoch, wenn sich so wie bei dem Verfasser gegen- wärtiger Zeilen , auf gröfseren Reisen und in mehrfachen Verhältnissen, die feste Ueberzeugung gleichsam von selbst gestaltet , dafs die tiefste Unwis- senheit und Finsternifs ihr trül^es Daseyn gröfstentheils nur durch Eigen- dünkel und Selbsttäuschung fristen , so erheischt es das Gefühl vom rechtlichen Manne , laut und offen dagegen selbst unter den ungünstigsten Aussichten zu sprechen, ja wir müssen uns um so thätiger dazu aufgefor- dert fühlen, je weniger man die wachsende Gefahr erkennen zu wollen scheint. —
Die einfache Erwägung mufs uns schon hinreichend belehren, dafs nichts mehr und dauerhafter den Fortgang der Aufkläiamg im Allgemeinen und jedereinzelnen Wissenschaft im Besonderen lähmen kann, als jene bei- den Ausgeburten eines durch oberflächliche Kenntnisse krankhaft gereizten Geistes , denn läfst es sich denken , dafs derjenige rastlos vorwärts streben und nimmer sich selbst genügen wird , der glaubt, er habe das menschliche Wissen schon bis zur tiefsten Tiefe ergründet, der ein selbst geschaffenes Phantom für Wahrheit hält und der im frcA-elhaften Uebermuthe kein Ide- al , kein Ziel seines Strebens finden kann ? Was wir aber hier in der Schlufs- folge als Avahr zu erkennen uns gezwungen sehen, bewährt uns die Er- scheinung im Leben auf das vollständigste, denn man kann nicht nur ^rofse Anstalten mit hunderten von Zöglingen, sondern weite Strecken Lan- des mit ihrer reichen Bevölkerung als vollkräftigsten Beleg anführen, wie eingebildete Vorzüge, eine überspannte Meynung von den eigenen Lei- stungen, der unglückliche Wahn schon genug gethan zu haben und die
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scliaotle Veraclitung alles dessen, was von aussen zukommt, das kräf- tigste Aufhlüliea und segensreiche Gedeihen der Geisles])ildiiiig nicht nur augenljlicklicli hemmen, sondern es IVir eine lange Reiiie von Jahren \er- spiiten. Und forschen wir der Quelle dieser unheilsvoilea Verl^lendung uacli, die in unseren Tagen so oft sich hiiden läfst, so werden wir beol>- achten, dafs sie nicht, wie eine ausgeslreule Saat, auf mehreren Punkten 7Aigleich emporvvuchevt, sondern dafs sie von eineni Punkte gleichsam ausgehend, sich dem gesammten Körper und allen seinen eln/x-lnen Glie- dern mitUicilt. Diejenigen also, welche an der Spitze" stehen, derea Iländen vielleicht das grofse Werk der ^''erbreitung der Wissenschaften, der Erweckung des Sinnes für den höheren Beruf des Lebens mit anver- traut ist, müssen, als nachahmungswürdiges Vorbild , voranschreiten, denn aller Augen sind auf sie gerichtet und ihr Beyspiel wirkt mit w^undersamer Kraft. Doch sind es nicht hohe Ehrenstellen , nicht der Adel der Familie, nicht Stern und Ordensband, welche den Würdigen bezeichnen, auch bin ich weit entfernt zu glauben , der Gelehrteste sey auch immer derjeni- ge, der In seinem Wirkungskrelse der thätigste und nützlicliste seyn wird, sondern es geliört dazu hauptsächlich ein edler Wille, die innige Ueber- zeugung, dafs man dem Fortschreiten ächter Aufklärung nirgends einen Damm zu setzen braucht, die bereitwillige Anerkennung iiemder Vei'dieuste und ein Geist, den das Feuer der Wissenschaften geläutert hat, ein Geist, der nicht durch ein unseeliges Halbwissen gelähmt und zu thörigtem Stol- ze berauscht worden ist. Wenn diese Eigenschaften , wenn die feste Ue- berzeugung, dafs wir auf dem Pfode der Wissenschaften stets Pilger sind, welche unermüciet nach dem fernen Ziele wandern, wenn das A ertrauen
auf unsere eigene Kraft und das Tßewufstseyn , niclit müfsige Zuschauer bey dem vielen Grofsen und Trefflichen , was der menschliche Geist im unauf- haltsamen Triebe schafft, gewesen zu seyn, — wenn dies alles im innigen Bunde steht , dann läfst sich die freudigste Hoffnung auf das Herannahen besserer Tage hegen, und nur dann wird der Eigendünkel, welcher uns unsere Verdienste so gern im Brennpimkte eines zusammengesetzten Microscopes zeigt und die Selbsttäuschung, dieses trügerische Irrlicht, durch die Macht höherer Ansichten überwältigt werden können.
Was ich hier in allgemeiner Beziehung gesagt habe, findet seine An- wendung auch auf jede einzelne Wissenschaft im Besonderen xmd nament- lich auch auf diejenigen, welche mir am nächsten liegen, nehmlich auf die Naturwissenschaften und die Medicin, Dafs sich das Gebiet unserer Kenntnisse täglich erweitert, und dafs Avir in einer Zeit leben, die reich an grofsen Erfahrungen ist, und in welcher es nicht an ]\Iännern fehlt, die mit kräftigem Arme uns in das Heiligtlmm des Wissens führen, ist eine Thatsache, die uns mit gerechtem Stolze erfüllen darf, allein nicht desto weniger können wir es läugnen, dafs es eine beklagenswerthe Mode un- serer Tage ist, dafs man nur nach dem Neuen hascht, und dafs derjenige der Wissenschaft den gröfsten Dienst zu erweisen glaubt, der das meiste Neue hineingebracht hat. Diese epidemische Manie geht so weit, dafs, wenn es nichts Neues zu finden giebt, man selbst das Alte und längst Bekannte durch barbarische , griechisch - lateinische N^amen zu maskiren sucht. Je- doch nicht durch dieses ängstliche Suchen nach Entdeckungen verdie- nen wir den Dank der Wissenschaft , denn auf solchem Wege kann sie nur an gröfserer Ausdehnung, nicht aber an jenem inneren, gediegenen Werthe
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gcwliinon, der, wie geliiutertcs Gold, .Tülnliunderte über sich lilnwcgge- hea sieht, ohne das geringste von seinem edelcn Gehalte zu verlieren. Wenn wiraberim ernsten Sludiiun das saaten reiche Feld des Wissens diiich- wandern, v\erden wir ganz von selbst schon anf gar manche Stelle stosscn, die der anbauenden Hand bedarf, und tias schädlichste Unkraut finden wir fast auf jedem Schritte in Menge. Wir bedürfen hierzu k<;iner Leuchte, und wir verfehlen nur dann den rechten Pfad, wenn wir allzusorgsam su- clicn. Fern bin ich jedoch davon , nicht jede wahre Erweiterung imseres Gesichlskreises preisend anerkennen zu wollen, denn wer weifs es nicht, dafs noch so vieles im tiefsten Schoofse der Wissenschaften begraben liegt, und es ist noch unentschieden, ob in diesem Augenblicke derjenige, wel- cher eine Apotheose aller unserer gesammelten wissenschaftlichen Kennt- nisse schreibt, oder ob derjenige dem Allgemeinen einen gröfseren Nutzen stiftet, der uns darauf aufmerksam macht, was wir noch nicht wissen? — Um jedoch auch mein kleines Scherflcin zu dem letzteren Punkte zii liefern und zu beweisen , wie flüchtig man oft über die uns am nächsten gelegenen Gegenstände hinwegeilt, ohne sie unseres Blickes zu mirdigen, will ich den Lesern meiner Schrift eine Frage vorlegen, die von dem höchsten Interesse für jeden Menschen seyn mufs, die Avährend des Piie- senzeitraumes , seit Avelchem die \^'Issenschaften gepflogen und gebildet werden , nie der geringsten Beachtung gemüdlgt wurde , und deren Be- antv\'ortung zu den hochwichtigsten Aufschlüssen führen mufs. Ich frage uehmlich :
Wo ist das Grab der Tbicre? Wo, an welchem Oite sterben die Thiere, und um der Frage nicht
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eine endlose Ausdelmting zu geben, will icli blos fragen: Wo und wie sterben die vieriiifsigen Tliiere und die Vögel ? Es ist in der Tliat unver- •^ntwortlich , dafs man seidier einen Gegenstand von so hoher Wichtigkeit und so tiefer Bedeutung, gänzlich übersehen hat, und es ist eine der ab- geschmacktesten und unsinnigsten Behauptungen, dafs die Thiere, da wo sie der Zufall grade hinfuhrt, erkranken, und auf der Oberfläche der Erde hinsinken und hier sterben. Man denke nur z. B. an die zahllosen Bewohner der Lüfte. Sie durcheilen weite Strecken Landes, besuchen die bewohntesten, so wie die unwirthliarsten Gegenden und bevölkern reichlich die ausgebreitetsten Wälder, und doch findet der Landmann nur durch Zufall hin und wieder todt einen Vogel auf dem Felde, und der Naturforscher, der seiner Wissenschaft zu Liebe, in die tiefsten Wälder dringt, die einsamsten Schluchten durchwandert und die höchsten Berge besteigt , wird es nicht sa- gen können oft todte Vögel gefunden zu haben, und wenn er irgend einmal einen fand, so war es nur einer von der kleinsten Art, denn gröfsere und die g^röfsten trifft man fast niemals. Noch viel auffallender ist dies bey den Wassei-vögeln , von denen es bekannt ist, dafs einige Arten ganze Inseln in fernen Meeren allein bewohnen, und wer unter allen denen, welche diese kleinen republicanlschen Staaten besuchten, hat Jemals in gros- ser Anzahl Todte auf ihnen entdeckt ? — Eben so, wie mit den Vögeln, ver- hält es sich mit den Quadrupeden. Man frage den rüstigen Waidmann oder den Jagdliebhaber, welcher die dichtesten Forste durchstreift, wie oft er einen todten Hasen , ein gefallenes Beh oder einen crepirten Hirsch u. dgl. auf seinem Wege oder im tiefsten Gebüsche hat liegen sehen ? Und doch
yvle ungemein oft müfste nicht der Fall vorkommen p denn man bedenke
nur
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nur in welch ungemein gvofscv Anzalil (\'w. vicifüssigcn Tliicre grofscrcr und kleinerer Arl in den Widdern sind. Selbst die iindurclidrlnglicljsten ,Wäldcr Amerikas und Afrikas sind in den neuem 7,eilen in allen rüch- tungen durcli/.ogen worden, und die Reiscbesclircibcr melden es als eine aufserordendiclie Seltenlieit, wenn sie einmal einen Löwen oder einen Eleplianten todt auf ihrem Wege liegen fanden , und welch grofscs \'\^un- der wäre denn dies, wenn, wie es allgemein geglaubt wird, die Thiere da wo sie der Zufall hinfuhrt, sterben könnten? Wollte man dies zugestehen, wie ungemein vieles hätten wir nicht da von der Verpestung der Luft zu furchten , wie sehr oft miifsten wir nicht die Skelette der Tliiere oder we- nigstens gröfsere Theile derselben auf der Oberfliiche der Erde liegend fin- den? Es ist demnach bis zu diesem Augenblicke ein tiefes, noch gänzli- ches imenthülltes Geheimnifs, wie und auf welche ^'^''eise und wo die Natur den Thieren überhavipt , den Säugethieren und Vögeln aber insbe- sondere ihr Grab angewiesen hat, und wir müssen noch einen gewaltigen Schritt vonvärts diun, wollen wir diese Aufgabe genügend lösen. Sie liegt nicht im Bereiche einer leicht anzustellenden Beobachtung allein, sondern wir müssen durch eine unermüdete und anhaltende Betrachtung des Gegen- standes, zuerst die Bahn finden, v/elche wir betreten müssen, um durch die Erscheinungen im Leben stuu^nwelse dem Ziele näher gebracht zu werden , welches durch aufgethürmte Hindernisse unserm Blicke entzogen wird, und von welchem wir uns vielleicht viel weiter entfernt glauben, als wir es in der That sind.
DIefe Frage , welche ich hiermit meinen Lesern vorlege , und von der ich wünsche dafs sie anziehend und ^'\'ichtig genug erscheinen mögCj
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um zu gehaltreiclien Untersucliungen einzuladen , wird auf genügende Weise den Beweis führen , wie oft wir auf den Zelien einherschrelteu , um in der Ferne ein Goldkorn ämsig zu erspähen , während wir den reichen Schatz, vor unseren Füfsen liegend, im eitlen Wahne überblicken. Auch die hier vorliegende Schrift kann als kleiner Beleg zu dem eben gesagten dienen, denn sie beleuchtet eine physiologische Lehre, welche man allge- mein als längst erkannt und als mit der überzeugendsten Wahrheit gewür- digt, betrachtet. Wohl ist es wahr, dafs seitdem sich das Studium der Medlcin aus seiner Wiege zum kräftigern Daseyn erhoben hat, über den Kreislauf des Blutes im Fötus , vieles geschrieben worden , und dafs Män- ner in denen sich Kraft und Talent vereinigte , an die Spitze traten , um mit thätigem Eifer das Problem aufzuhellen, allein demohnerachtet läfst es sich nicht läugnen , dafs trotz des vereinten Sterbens so vieler , der Ge- genstand selbst keine vollendete Gestaltung erhalten hat : dies beweist die Literatur von Galenus bis zu dem heutigen Tage und das Seciren eines Kinderleichnams unwiderleglich. Auch hoffe ich, dafs Avenn Ich nicht alle Lücken meines Themas ausgefüllt und die so sehr fühlbaren Mängel in demselben einigermafsen verschwinden gemacht haben sollte, doch we- nigstens das kleine Verdienst mir bleiben wird, auf das Fehlende und Un- haltl^are in den vorgefafsten Meynungcn hingedeutet, imd vielleicht eben dadurch manchen andern Physiologen zu einer zweckmäfsigeren Bearbei- tung angeregt zu haben. Der Stoff Ist einer mühevollen und mit Geist unternommenen Zergliederung wohl werth, indem er mit den meisten Lehren vom kindlichen Leihen im Uterus innig verwebt ist , und auf das richtige Verstehen und Auffassen desselben einen wesentlichen Einflufs
hat. Ich halte es daher für kein fruclilloscs Unternehmen, welches ich hl Iblgenclen Seiten den Händen des Publikums anvertraue und bcMlaure nicht die Zeit, die icli der Vollendung desselben widmete. Wohl mag denjenigen sogenannten grofsen Aerzten, welche nach erlernter Arzeney- formel den Werth und den Umfang rmserer Wissenschaft bemessen , die Arbeit nicht gewichtig genug diinken, doch bin ich nicht stolz darauf fi'ir diese geschrieben zu haben , sondern icli strebe nach dem Beifalle derjeni- gen, die von einem höheren Standpunkte aus, den reichen Schatz des ärztlichen Wissens überblicken, und die keine Bemühung für verloren halten, aus welcher der redliche Wunsch zu nützen, ohne jede andere Nebenabsicht deutlich hervorleuchtet. Mit der innigen Ueberzeugung nach bester Einsicht und Kraft geleistet zu haben , was ich für erforderlich hielt, kann ich meine Schrift ruhig aus dem Studierzimmer in die Welt hinaustreten sehen , und eben deshallj auch jeder gerechten Kritik ohne Erröthen entgegenschauen.
Die beigefügten Zeichnungen sind sorgfaltig nach der Natur gefertigt worden , und dürfen nicht mit Unrecht auf Treue und Richtigkeit An- spruch machen. Dieselben waren zum anschaulichen Auffassen des ab- gehandelten Gegenstandes unentbehrlich , eben so Avie die beyden letzten nach dem englischen Originale copirten Tafeln von den Nerven der Nach- geburt, Avelche von Sir Everard Hoaie in den Philosophical Transactions bekannt gemacht worden sind, und über Avelche bei der Erklärung der Tafeln das Nöthige gesagt werden soll, gewifs in jeder Hinsicht als eine will- kommene Beigabe aufgenommen werden werden. — Die A'erlagsliandlung hat redlich das Ihrige gelhan, um. das Aeufsere des \^^erkes nicht zu ver-
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nacliläfsigen , aucli ist der Druck, bis auf einige wenige Druckfehler j correct und gut ausgefallen.
Bevor ich aber diese wenigen Zeilen schliefse, halte ich es für eine heilige Pflicht, zweyen hochgeehrten Männern, nehmlich den Herrn Gehei- men Hofräthen Naegele und Tiedemann, welche beyde mich mit allen zu meiner Arbeit nÖthigen literarischen Hülfsmitteln freundlichst unterstütz- ten, meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank öffentlich darzubringen, und auch dem talentvollen Dr. Fohbiann für die gütige Bereitwilligkeit, wo- mit er mir stets die Schätze des Heidelberger anatomischen Museums öffne- te, auf das verbindlichste zu danken. Es ist in jedem Verhältnisse des menschlichen Lebens wohlthuend Unterstützung zu finden, und haben wir sie auch nur einmal angetroffen, so mufs uns der Gedanke an sie auf unserer Bahn, die nicht immer geebnet ist, eine beueideiiswerthe und nie verlöschende Bückerinnerung bleiben ! —
ERKLÄRUNG DER BEYGEFÜGTEN ABBILDUNGEN.
Ich gebe die Erklärung der be^'gefügten Abbildungen so kurz als es nur immer möglich ist, da der aufmerksame Leser den vollständigsten Aufschlufs in dem Buche selbst fin- den wird, und, da die dargestellten Gegenstände so deutlich sind, dafs sie auch ohne weitschweifigen Text leicht erkannt werden können. Dafs ich es für Unrecht hielt, die Zeichnungen durch vieles Bezeichnen mit Buchstaben zu entstellen, wird man mir um so weniger zum Vorwurf machen , als ich bei meiner Schrift nicht Neulinge in der Wis- senschaft vor Augen hatte, sondern Männer, die hinlänglich im Fache bewandert sind, und die auch ohne nähere Hinweisung wissen, welches die Aorta, die Arteria pulmona- lis , die P'e?ia cava superior und inferior u. s. w. u. s. w. ist.
Die Darstellungen sind sämmtlich neu und nach der Natur mit Gewissenhaftigkeit gezeichnet, blos bey der achten Tafel nahm ich mir bey einigen Figuren theils Meckel, theils Pander zur Richtschnur und darf daher auf diese nicht als auf mein Eigenthum Anspruch machen.
Tabula L
Stellt die Valvula Eustachii im rechten Herzvorhofe in ihrer weitesten Ausdeh- nung dar und zeigt ihre beyden Befestigungspunkte und ihr Verhältnifs zu der Talvida foranuiiis ovalis, welche hinter der durch die Vena Cava inferior geführten Sonde, aus dem linken Atrium her, sichtbar ist. Um die Darstellung mit geliöriger Deutlichkeit zu geben , war es nöthig und unvermeidlich das Herz stark seitwärts hinzubewegen , weswe- gen sowohl die Klappen selbst, als wie auch das Foramen ovale etwas gespannt erschei- nen. Zu gleicher Zeit ist auch zu bemerken, dafs die Zeichnung nach dem Herzen ge. fertigt wurde, welches in natürlicher Gröfse auf Tab. VIII, fig. 7. abgebildet zu finden ist. Da nun aber in einem so kleinen Räume unmöglich jene Deutlichkeit erreichbar war, welche mir so wünschenswerlh ist, so liofs ich das ganze häutige Gebilde- genau in denselben Verhältnissen und mit der gröfstmöglichsten Genauigkeit in ein weit älteres Herz hiaeinzeichnen und hoffe hierdurch meinen Zweck erreicht zu haben, Herzen von
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Früchten, welche nahe ihrer Geburt sind, wählte ich deshalb zur Darstellung der fragli- chen Klappe nicht, weil in ihnen die Valvula Eustacpiii schon manche Veränderung in
Form und Lage erlitten hat.
Tabula II.
Zeigt im linken Vorhofe die Valvula foraminis ovalis in ihrer gröfsten Vollkommen- heit. Auch hier mufste das Herz aus seiner natürlichen Lage und zwar stark in die rechte Brusthälfte hereingedrängt und dabey etwas nach oben hin bewegt werden, um eine Ansicht der ganzen Klappe zu bekommen: deshalb sind die Theile gleichfalls ein wenig angespannt. Die Abbildung ist nach demselben Fötusherzen gemacht, nach wel- chem die Valvula Eustachii in der vorhergehenden Tafel dargestellt wurde, und neben der Vena cava inferior sieht man noch einen Theil der Oeffnung, welche gemacht wurde, um die rechte Herzvorkammer zu erschliefsen.
Tabula III.
Ist das Herz eines Fötus von acht Monaten. Es zeigt dasselbe eine der merkwür- digsten bis jetzt beobachteten Abweichungen sowohl im Baue als wie in der Lage der beyden wichtigsten Klappen der Herzvorhöfe. Die Stellung und Anordnung der Valvula Eustacpiii und der Valvula foraminis ovalis in diesem Herzen sind von der Art, dafs , wollte man die alte Erklärungsweise vom Nutzen der Klappen annehmen, man gar nicht begreifen konnte, wie ein Kreislauf des Blutes möglich gewesen wäre, denn die Val- vula Eustachi!, deren Abweichung von der Norm so ungemein bedeutend ist, würde doch wohl in diesem Herzen nicht das Blut der unteren Hohlvene dem eyrunden Loclie zugeleitet haben und die Valvula foraminis ovalis (Tab. IV.) ist vermöge ihrer Lage nicht im Stande den Rücktritt des Blutes aus dem linken in das rechte Atrium zu hin- dern. Nimmt man dagegen diejenige Ansicht an, welche ich in meiner Schrift mitge- theilt habe, so wird man ganz leicht den Mechanismus der Circulation auch hier erken- nen und sich Rechenschaft über die dargestellte abweichende Anordnung der Theile, wel- che an eine niederere Thierstufe erinnert, geben können. Aber es verdienen diese bey- den Tafeln (Tab. III. und IV.) noch in sofern um so mehr Aufmerksamkeit, als man bis jetzt über die Varietäten in den anatomischen Verhältnissen der beyden genannten Klappen so gut als gar nichts weifs, und es doch von hoher Wichtigkeit ist, auch diese zu kennen. Uebrigens bin ich fest überzeugt, dafs man häufiger Modificationen in der Stellung der beyden Klappen finden würde, als man es glaubt, wollte man nur sorgsa- mer und öfter das Fötusherz untersuchen.
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Eine einfache Verglcicliung dieser Taiel mit Tab I. wird am tlemliclislen und besten die Verschiedenlieit in der Lage und Form der T'alviila Elstacuu und des Foiarninis ovalis zeigen : es bedarf hier keiner anderen Erklärung, — Merkwürdig ist noch an diesem Her- zen die ungemein grofse P'alvula TuF.jtf.sii , welche hier unter dem obern Befestigungs- punkte der EusTAcii'scJien Klappe, die sehr grofse Mündung der P'ena magna cordis s. Galeni bedeckend erscheint. — Das Gewebe Aev Falvula Eustachii war das gewöhnliche und überhaupt in dem ganzen rechten Herzvorhofe alles normal, nur dafs die Vena Cava superior etw as stärker erschien , als man dies zu beobachten gewohnt ist.
Tabula. IV.
Giebt eine Ansiclit der linken Herzhälfte desselben Herzens. Auch kier wird der Vergleich mit Tab. H. den Unterschied zwischen beyden Gebilden am deutlichsten fühlen lassen, und am besten beweisen , wie viel die Valviila foraminis ovalis sowohl hinsichtlich ihrer Lage als wie auch ihrer Form abweicht. Wenn man sie durch Einblasen von Luft ausdehnt, oder sie auch nur unter dem Wasser betrachtet , so überzeugt man sich augen- scheinlich, dafs sie keine Klappe ist, sondern dafs sie eine weit andere Bestimmung und Bedeutung habe, worüber jedoch das nähere in dem zweiten Abschnitte meines Bu- ches gesagt werden soll. — Das Gewebe dieser Klappe ist hier viel dichter als es gewöhn- lich zu seyn pflegt und ist sehr reichlich mit Muskelfasern durchzogen. —
Zugleich benutzte ich diese Tafel um das Verhältnifs des Ductus venosus Arantii ZMX Nabelvene und der Pfortader darzustellen. Die Gefafse sind nicht injicirt ;
8. die Vena umbilicalis.
h. die Ve?ia portarum^
c. der Ductus venosus Arantii.
d. Stelle wo siih die Vena umhilicalis umbiegt und sammt und sonders in die Pfortader ergiefst (siehe p. iSy. §. CXXXIX.)
e. Vena Cava inferior an deren äufserer Haut, welche hier ganz aufserordentlich stark
war, man deutlich die der Länge nach verlaufenden Muskelfiebern erkennt, —
f. Tunica inthna Venae cavac inferioris.
Um jedoch diese ganze Zeichnung deutlicher noch zu verstehen , wird man gut thurj sie bey dem Lesen des betreffenden Kapitels zur Hand zu nehmen : der Raum gestattet es mir nicht hier in meiner Erklärung woi-treicher zu seyn.
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Tabula V.
Fig. 1. Der Zwect dieser Abbildung ist es zu zeigen, wie das gegenseitige Veriiältnifs der F'ena cava siiperior und inferior ist und wie die Fe na umbilicalis und der Ductus veno- sus Arantii in der Leber verlaufen. — Es wurde zu diesem Entzwecke bey dem woM- gebildeten Fötus, welcher hier in natürlicher Gröfse dargestellt ist, die Columna vertebra- rum entfernt, um durchaus nicht die geringste Störung in der natürlichenLage der Theile zu bewirken. Alles hier Erscheinende ist daher in seiner vollkommnen nor- malen Richtung und der Gesammtüberblick dieser hochwichtigen venösen Gefäfse des Fö- tus nicht ohne hohes Interesse, besonders da man nur so deutlich erkennen kann, in ■welche Richtung die beyden starken Blutströme aus der untern und aus der obern Hohl- vene , in die Herzvorhöfe eindringen,
Fig. 2. .
Ansicht der hinteren Fläche des Herzens eines fast völlig reifen Schaafsfötus, Die Vena cava inferior ist da, wo sie zum Herzen tritt, aufgeschnitten und man sieht ganz deutlich ihre beyden Mündungen nehmlich , eine gröfsere (a) in den.link-en Vorhof führende uud eine kleinere (b) welche in das rechte Atrium leitet. Beyde Oeffnun- gen werden durch eine Scheidewand geschieden und stehen durchaus in keiner Verbindung. (Siehe p. 170. §. CLV. ff.)
Fig. .^.
Das rechte Atrium desselben Herzens eröffnet. Man sieht durchaus kein« Spur einer Valvida Eustachii , sondern die Vena cava inferior (durch welche hier eine Son- de geführt ist), öffnet sich, nachdem sie einen kurzen rechten Gefäfskanal gebildet hat, mit einer deutlich sichtbaren , vollkommen gut gebildeten Gefäfsniündung in den rechten Vorhof. Unter dieser rechten Mündung der unteren Hohlvene, sieht man eine kleinere, welche die Oeffnung der Vena magna Galeni ist, welche durchaus unbedeckt erschien,
Fig. 4.
Zeigt den linken Herzvorhof desselben Schaafsfötusherzens. Es glebt hier kein Fo- ramen ovale in dem Sinne , wie wir es im Menschen zu finden gewohnt sind und mit- hin auch keine Klappe dieses Loches, Statt dessen aber sieht man (a) ein aus unge- mein dünnen Wandungen bestehendes, mit der Wand des Herzvorhofes von der einen Seite durch sehr' zartes und sehr leicht trennbares Zellgewebe verbundenes , ringsum fest geschlossenes und abgekränztes Gefäfs, welches genau die hier dargestellte Länge hat und dessen freier Rand sehr schön filetartig durchbrochen ist und eine deutlich gebildete Ge-
fälsmün-
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fäfstnüncluns; dargestellt. (Siehe p. 173, §. CLVIII.) Im Kalbsfütusliorzon ist dicrs Ge- füfs gewöhnlich etwas kürzer, als wir os hier sehen, doeh wcicJit es rücksichtlich sei- nes Baues und seiner Piichlung nicht im fernsten nb. Dafs aber dieses Gefdfs nichts an- deres als eine Fortsetzung der Tunica intima Feilte cuvcc injerioiis sey, lehrt der Augen- schein , und eine genauere anatomische Untersuchung bestätigt es.
Fig. 5.
Herz eines Kalbsfötus von der Gröfse einer Ratte. Es ist dasselbe hauptsächlich ia 80 fern merkwürdig, als der in den linken Vorhof fortgesetzte Zweig der unteren Ilohl- vene, welchen wir in der vorigen Figur näher kennen gelernt jiaben, hier vorne ganz geschlossen ist und völlig so aussieht, wie der Finger eines Handschuhes, blos au dem freien Ende dieses Gefäfses sind mehrere kleine Oeffnungen, durch welche das Blut ivie durch ein Sieb hindurchdrang. Es ist wahrscheinlich, dafs endlich auch das geschlos» sene Ende von dem Blutstrome durchbrochen, und dafs dann das ganze Gebilde eben so gestaltet worden wäre , wie wir es gewöhnlich antreffen. Sollte dieses Präparat nicht ei- nigen Aufschlufs über die Alt und Weise geben, wie der linte Ast der Tena cava infe- rior entsteht? —
Tabula VI.
Fig. 1. und 2.
Sind zwey Ansichten der grofsen aus dem Herzen des vollkommen reifen Fötus tre- tenden arteriellen Gefäfse, die keiner näheren Bezeichnung bedürfen. In beyden ist es sehr sichtbar wie die Arteria pidmonalis und die Aorta abdominalis ein und dasselbe un- unterbrochen fortlaufende Gefäfs sind und in beyden ist die Stelle näher bezeichnet (a) wo der nach oben aus dem linken Herzvenlrikel sich von dem nach unten aus der rechten Herzkammer gehenden arteriellen Kreislauf scheidet und wo die Aorta viel enger ist. (Siehe p. i3g. §. CXX. ) Wie wichtig diese engere Stelle in der Aorta ist, wird der Verlauf meiner Schrift zeigen. Aufserdem bemerkt man noch deutlich in bey- den Abbildungen, den Unterschied des Volumens in dem rechten und dem linken Ramus pidmonalis und namentlich läfst Fig. 2, sehr deutlich den stärkeren rechten Lungen- zweig erkennen.
Fig. 3.
Giebt eine Ansicht der Valvnla foraminis ovalis des reifen Fötus in ihrer voll- kommen normalen Lage, so wie sie, bei naturgemäfser Stellung des Herzens, wäh- rend des Durchganges einer Flüssigkeit durch das eyrunde Loch, ausgedehnt erscheint
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XVIII
Man sieht hier besonders deutlich die Befestigungspunkte ihres oberen Randes und ihr Verhältnifs zum Foramen, ovale selbst.
Fig. 4.
Ist das Herz eines Kindes, welches fünf Tage gelebt hat. Der Ductus arteriosus BoTALLi ist noch nicht geschlossen, wohl aber an der Stelle, wo er sich in die Aorta senkt, etwas enger geworden: dagegen aber hat die Arteria pulmonalis verhältnifsmäfsig an Ausdehnung gewonnen und die Aorta zeigt in ihrem ganzen Verlaufe nichts mehr von der in Fig. i. und 2. mit a bezeichneten Stelle, Die Abbildung war zum Vergleiche mit dem Fötusherzen nöthig und wird nicht ohne Nutzen für diejenigen seyn, welche unbedingt Bernt's neusten Ansichten beitreten wollen.
Tabula VIL
Diese Tafel giebt eine allgemeine Uebersicht des ganzen Kreislaufes im Fötus und findet ihre sehr ausführliche und ganz vollständige Erklärung in dem vorliegenden Buche selbst, Sie ist mit höchster Genauigkeit aufgefafst worden und hat so manches, bisher selbst in den trefflichsten Werken unrichtig Wiedergegebene, besser und der Natur treuer dargestellt. Eine angestellte \'"ergleichung wird diese Behauptung bestätigen und meiner Zeichnung den kleinen Vorzug einräumen, auf welchen sie bescheiden Anspruch macht. Ich hielt es für unnöthig durch Coloriren die Arterien und Venen von einander zu un- terscheiden, da es hinlänglich schon die artistische Behandlung der Gefäfswandungen gethan hat und sich, wenn man von der Vena umbilicalis ausgeht, leicht das ganze ve- nöse System überblicken läfst.
Tabula VIII.
Enthält eine Reihe von Abbildungen, welche zu der En t wi ck el u n g s g e s chich t e des Herzens gehören und die nur beim Lesen des hierzu gehörenden Textes genau verstanden werden können,
Fig. 1.
Stellt das Herz in seiner frühsten , beim menschlichen Embryo beobachteten Form dar. Es ist verhältnifsmäfsig überaus grofs , nimint die ganze Brusthöhle ein und hat eine senkrechte Stellung. Bemerkenswert]! ist die Gröfse der Vorhöfe (siehe p. 69. §. LV.)
Fig. 2 und 3. Sind zwey aus Pander's Werk entlehnte treffliche Abbildungen. Sie zeigen das
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Herz des ITühncliens im Eye, ungefähr am clritLcn Tngo der Bcbrüiung, und lassen rück- sichtlich ihrer Genauigkeit ni( hls zu wünschen übrig.
a. Spitze des llerzventrikels,
b. Ihdbus AorUic.
c. L'retiirn.
d. Rosfrum,
e. Aorta.
f. f. Venenzweige,
g. Venensack..
Die Fig. 2, giebt eine Ansicht des Herzens von oben, während es in Fig. 3. von der Seite gesehen dargestellt ist, — .
Fig. 4. und 5. Diese beyden Darstellungen sind nach Meckel, jedoch mit einiger Abänderung entworfen und sind Herzen von nichtsehr vorgerückten Entwikelungsstufen. Fig. 4. giebt das Herz eines vier wöchentlichen und Fig. 5. eines fünf wöchentlichen menschlichen Embryos. Wie sehr ersteres das letztere an Ausbildung überflügelt hat, ist deutlich sichtbar, —
a, die rechte
b, die linke
c, die Aorta,
d, die rechte
e, die linke
Herzkammer.
Herzvorkammer.
Fig. 6. Ist das Herz einer zwei und ein halb Monat alten Frucht, an welchem man sehr deutlich die gabelförmig gespaltene Spitze des Herzens und das sehr bedeutende Vorwalten der Herzvorkammern erkennt.
Fig. 7,
Das Herz einer Frucht zu Anfang des vierten Monates. Dasselbe hat hier schon seine vollkommene aufsere Form erlangt, und die Valvula Ev st acb.ii so wie die T'alvula foraminis ovalis sind jetzt am vollkommensten und schönsten gebildet. Die beyden Ab- bildungen auf Tab, I, und II. sind nach diesem Herzen gefertigt.
Tabula IX und X.
Diese beyden Tafeln sind, wie ich bereits in der Vorrede bemerkt habe, aus dem
3 * •
» — XX — «
PMloso-pTiical Transactions etc. for the year MDCCGXXV. Part. I. genommen und gelio- ren zu der Croonian Lecttire: On the existence of Nerves in the Placenta. By Sir Evb- RARD Home, Bart, von pag. 66 — 86. Der Gegenstand ist ein so liochwiclitiger , die Darstellungen selbst sind mit so vollendeter Meisterschaft gefertigt und tragen so unzwey- deutig das Gepräge der Wahrheit, dafs icli glaubte einen angenehmen Dienst meinen Lesern zu erweisen, -wenn ich Ihnen als Beigabe die beyden Tafeln liefern würde, be- sonders deshalb, weil das englische Werk, aus welchem ich sie entlehnt habe, nicht für einen gröfseren Theil des Publikums zugänglich . ist. Die Lithographien sind mit der gröfsten Genauigkeit gearbeitet worden \\\iä. werden bei einem Vergleiche mit dem Ori- ginale ehrenvoll bestehen können.
Der den englischen Kupferstichen beigegebene Atifsatz des Sir. E. Home erweckt keinesweges unsre Bewunderung und ich glaube kein Unrecht zu begehen, wenn ich nun in sehr \yenigen Zeilen die Art, wie die Entdeckung gemacht wurde, zusammenfasse.
Bey der Untersuchung des Baues der Geweihe vom Damhirsche , während der Zeit wo sie noch in ihrem ersten Wachsthum begriffen sind und ihre Oberfläche einen sani- metartigen Ueberzug hat, fand es sich, dafs dieselbe reichlich mit Nerven versehen waren. Diese Erfahrung aber, welche bewiefs , dafs man Nerven auch durt findet, wo die Sen- sibilität nicht nur gänzlich erstorben ist, sondern wo die Theile nur erst dann, ihrer wah- ren Bestimmung entsprechen können, wenn der Nerve getödtet ist (was bey den völlig ausgewachsenen Geweihen der Fall ist) zeigt es unwiderleglich, dafs die Nerven in dem lebenden Körper noch einen anderen Zweck haben müssen, als die Arterienthätigkeit in ihrer bestimmten Gränze zu erhalten. *) Diese einzige Thalsache und Beobachtungen am bebrüteten Eye, erweckten die Ueberzeugung: dafs die Bildung der Arterien dem Nerven folgen müsse und der Umstand, dafs bisher noch keine Nerven in der Placenta entdeckt worden waren, konnte dieselbe nicht im geringsten erschüttern. Endlich aber wurde auch diese Schwierigkeit besiegt, indem der vortreffliche und in microscopischen Untersuchungen noch nicht übertroffcne Bauer, Nerven in der Nachgeburt eines See- kalbes, sowohl in der pars fcctalis als wie in der pars uterina fand. Zu derselben Zeit brachte noch Sir Stamford Raffles dem Verfasser den trächtigen Uterus eines Tapir aus Sumatra mit, und da bey demselben der Nabelstrang mit dem Chorion in Verbin- dung steht, (weil keine Placenta gefunden wird) so wurde der durchsiclilige Theil des Chorions, in welchem die Verästelungen des Nabelschnurgofäfses hinlaufen, bevor diese sich in das schwammige Gewebe selbst senken , sehr genau untersucht und eine Menge Nervenfäden sogleich mit unbewaffnetem Auge gefunden.
*) Dieser Meinung war Sir E. Home ssit einer Reihe von Jahren zugethan nnd fand sich haupt- sächlich in derselben durch die Wirkungen hestätigt, welche ein auf das Par vagum und auf den grolsen sympalhuchen Nerven angebrachter Reit^ in der A. carotis äulserte.
— XXI
Diese Tind nocTi eine Monge anderer inicroscopiscliov Beobachtungen von deren AccTit- Iieit sich Sir E. Home slcst selbst überzeugte, gesiallptcn es als ein I'^actum festzustel- len, (Iti/s die Placc'ira mit Nerven versehen sey und dafs dieselben da, wo keine Nacligebiirt gebildet ist, in der flockigen Ad er haut vorgefunden worden, "ja hier selbst hodeulonder als in jener sind.
Ueber den Ursprung der Placentalnerven , über die Art und Weise wie sie zu der Nachgeburt gelangen u. s. w, v. s. w. konnte nicliis genaueres angegeben werden, und zwar aus Gründen, die jeder leicht ermessen kann.
Die Zcjclniungcn sind gleichfalls von der Meisterliand FnANz Bauek's und verdie- nen dem Bestea, was in dieser Art geleistet worden ist, an die Seite gesetzt zu werden.
Tabula IX. Fig. 1.
Ein kleines Stück von der Placehta eines Sechalhes. Das Chorion überdeckt noch die Nachgeburt und durch dasselbe scliinmiern die injicirten arteriellen und venösen Ge- fäfse: in den Falten der Aderhaut aber liegen die Nervenverästelungen. Die Vergrofse- i:,ung beträgt vier Durclimesjser.
Fig. 2.
Ein transversaler Durchschnitt der Placenia in der Vergröfserung von zehn Durch- messern. Man erkennt die Structur sehr genau und unterscheidet auf den ersten Anblick die Nervenfäden a. a. b. b, c, d.
Fig. 3.
Macht die Art, wie sich die Arterien des Nabelstranges in dem Chorion zu verästeln beginnen, und sich dann in die Tiefe des Gewebes der Placenta zu senken, anschaulich. Die Nerven sind ungemein deutlich. — Vergröfserung zwei Durchmesser.
Fig. 4 und 5. Ein einzelner FZo(7fK?i« isoliit dargestellt nur in einer Vergröfserung von zehn Durch- messern. Man sieht hier sehr genau den Entzweig der Arteria umbilicalis und die mit derselben verlaufenden Nervenfäden. — A sind die pencilli und B ist die Oberfläche des Chorion.
Tabula X.
Zeigt einen Theil des Chorions des Tapir aus Sumatra, von der Uterioberfläche an- gesehen und in seiner natürlichen Gröfse. Die Nervenfäden sind ungemein deutlich.
Inhaltsverzeichnis s.
Pag. Vorrede . . . . • , . . • • HI»
Erklärung der beigefügten Abbildungen • . . * . XIII,
ERSTER ABSCHNITT.
Einleitung . • . . . . .
Geschichtlicher Ueberblick der verschiedenen Theorien über den Kreis- lauf im Fötus: Galen p. 4, §. II,
Theorie des Galen ..,'.'.., z^».
Harvey p. 5. §. III. — Verschiedene Meinungen über die Vena um- bilicalis und den Ductus ve/iosus Arantii, ibid. — Morgagni, Glisson, Carcanus. p. 6. §. III. — - Jean Mery p. 7. §. IV.
Theorie des Jean Mert ...... 7.
Winslow p. 11. §. VIII, — Theorie des Peter Simon Rouhadlt p, 12. §, IX. — • Albin, Bernhard p. i3. §. X. — Haller p. i5, §. XI. — Trew p. 16 §. XII. — Caspar Friedrich Wolff p. 17. §. XIII.
Theorie des Caspar Friedrich Woltf , . , 18.
NxcHOLLs. p. 22. §. XVII. — Sabatier p. 22. §. XVIII,
Theorie des Sabatier ....... 23.
BAUDELocqtiE p, 27. §. XXI. — Xavier Bichat p. 27. §. XXII. — Lobstein p. 28. §. XXIII. — Joh. Ger. van der Willige LouRON p. 29. §. XXIV. Uebersicht der neueren Lehrbücher der Physiologie hinsichtlich des Kreislaufes im Fötus .....,♦. 3o,
Theorie des Haller, als die jetzt am allgemeinsten angenommene 3i. Resultat dieses geschichtlichen Ueberblickes .... 33.
Plan dieser Schrift . . . , . , , . 34.
3 — 55.
XXIII
ZWEYTER ABSCHNITT.
Pag.
A. Eiilwichduncrscreschichle des menschlichen Herzens, von sei- nein ersten iSichlbarwerden an bis zum 3 — 4 JMonale der Schwangerschaft . . . . . . . . . og — 90,
Nutzen und Zweck einer Entwickelungsgeschichte p. 3g. §. XXIX. Nutzen der Beobachtungen am bebrüteten Eye , für das menschliche Herz p. 40. §. XXX.
I, Beobachtungen über die Bildung des Herzens im bebrü- tetenEye . . , . . , . . » .42 — 69,
Die Beslandtheile des Eyes als: j) Eyweifs. 2) Dotterhaut und 3) Eygelb. a) Keimhaut, b) Kern oder Hahnentritt, p. 43. §. XXXH. — Theilung der Blastoderma in memhrana serosa und ^i- tuitosa p. 44. — Entstehung des Fruchthofes und der Primitiv- falten p. 44. §. XXXIII. — Bildung der Gefäfshaut oder des Ge- fäfsblattes p, 45. §. XXXIV.
Ueber das erste Erscheinen des Herzens ..... 4.7,
Erste Form des Herzens und erste bestimmte Ortsbewegung desselben p. 48. §. XXX VI. Sichtbarwerden des Venensackes, des Ventrikels und der Aortenzwiebel ibid. —
Die Herzkammer (Aortenventrikel) und die Entstehung der Lun- genarterienkammer . . . . . . . , . ^g.
Der Venensack und die Herz vorkammer , . . . 5i.
Der Canalis auricularis. Das Ostium venosian . , , , 52«.
Erscheinen der Aorta p. 63! §. XL. — Das Fretiim Halleri, der Bulbus Aorta, das Rostrimi mit den drey Aorten wurzeln, p. 54. §. ibid. — Punctum saliens ibid. Note. Fernere Gestaltung der Gefäfs- bildung p, 56 — 58.- — Die area umbilicalis Malpichi p. 58. §. XLIII. Erscheinen der Arterien und Venen p, ög. §. XLIV. — Die T'ena termi- nalis p. 61, §. XL VI. — Die Vasa omphalo meseraica p. 63. §. XLVIII. Das Nabelbläsch en. p. 65. §. L. — Allantois p. 66. §. LI. — Ent- stehen der Na belschnurgef äfse p. 6(3. §. LH, —
II. Beobachtungen überdieBildungdesHerzensinmensch.- lichenEmbryonen . . . . , . . .69 — 90'
Lage und Form des Herzens in den frühesten Embryonen p. 6g. §. LV. : 1) Die Herzvorhöfe, ihre Gröfse , Andeutung der sich bildenden Scheidewand .,.....♦.. 70.
— -. XXI Y
Pag.
2) Die Herzkarnmern, ihre unvollstänclige Theilung, Abwesenheit einer Herzspilze, Scheidewand u, s. w. .,..., •ji.
3) Gefäf sb ildung, Ursprung der Aorta aus bej'den Ventrikeln. §. 72. LVUI. — Das venöse System p. 73. §. id.
I. Die Herzvorhöfe in vollendeterer Gestalt . , , 74.. Weitere Bildung der Scheidewand und des eyrunden Loches p. 74,
§. LIX. — Ungleichheit im Wachsthume der rechten und linken Vor- kammern p. 75. §. LX. — Erste Spur der T'alvula Etjstachii und Falvula foraminis ovalis p. 76. §. id. — Die innere Einrichtung der Vorhöfe nähert sich ihrer festen Norm, das Muskelgewebe in demsel- ben bildet sich aus etc. p. 77. §. LXI.
II. Die Herzkammern in ihrer fortschreitenden Bildung . 78. Ueberwiegen der linken Herzhälfte, äulsere Form, Oeffnung in der
Scheidewand p. 78. §, LXII. — Ursache warum die Spitze des Her- zens gabelförmig getheilt erscheint p. 79. §. LXIII. — Lage des Herzens mit der Spitze grade vorwärts p, 80. §. LXV. — Die Form des Her- zens wird bestimmter, die Gröfse der Höhlungen selbst bilden sich aus , die gabelförmige Spitze des Herzens verliert sich p. 82. §. LXVI, und §. LXVIL
III. Die gröfserenGefäfsstämme des Herzens . . 83. a) Aorta und b) Arteria pulmonalis. — Die Aorta kommt aus beyden
Ventrikeln, ihre äufsere Form, Mangel der Lungenarterien p. 83, §, LXVIII. — ■ Erste Andeutung der Theilung der Aorta in zwey Stäm- me (in die eigentliche Aorta und die Arteria pulmonalis') p. 84. §. LXIX. — Warum die Arteria pulmonalis geräumiger als die Aorta ist. p. 8.'i. §. LXX. — c, d) Fena cava superior und inferior, e) Vena um- bilicalis.— Die Vena cava inferior gehört ganz dem linken Herzen an p. 86. §. LXXJ. — Fena cava superior sinistra, ibid. — P^ena cava sii- perior dextra p. 87. §. LXXII. — Die Vena cava inferior öffnet sich auch in den rechten Vorhof p. 88, §, LXXIII. — Verhältuifs der Vena umbilicalis p. 89, §. LXXIV. —
B, Eigene anatomische Untersuchungen über die Circulationsor-
gane im Fötus 9^ — 177,
Kurze Einleitung p. gS. §, LXXVI, —
I. Einmündung der Vena cava inferior in das Herz . . . .96 — nor
Antheil der Hohlvenen an der Bildung der Vorhöfe, p, 96, §. LXXVIII.
Die
XXV
Pag.
„-. Die Tiinica intimn der unteren TTolilvcne bildet die F^Züj^Za Eustachii und Valvula foraininis ovalis p. yy. §. LXXIX. — Bcydc Klappen ent- stolten glcichztilig, Uisaclie ihrer ungleiclien Enlwickclung etc. p, g8, §. LXXX. — Widerlegung der bislier bestandenen Ansicht vom Nutzen der Klappe des ey runden Loches p. 9.9. §. LXXXII. — Widerle- gung der Meinungen über die Verrichtung der EusxACu'schen Klappe, p. 101. §. LXXXIV. — Meine Ansicht über die Oeffnung der unteren Hohlvene im Herzen etc. p, io3. §. LXXXVI. — Meine Vorstellung vom Nutzen der T'alvula foraminis ovalis. p. io5. §. LXXXVII. — Das- selbe von der EusTAcn'schen Klappe p. 107. §. LXXXIX. — Lage und Stcllungsverändcrung dieser Klappe p, io8, §, XGL Abnormitäten der- selben Klappe p. 109. §. XCIL
II. Die T'alvula Ecstachii in rein anatomischer Beziehtmg " '. 110 — ii3.
in. Die T'alvula foraminis ovalis in gleicher Beziehung . . . « ii3 — n8.
IV, Das Foravien ovale . . . . . . . . .118 — 127,
Meinung der jetzigen Autoren über diese Oeffnung p, 118. §. Gl. — Form derselben, Isthmus Vieussenii, dessen Bildung und Bedeutung p. 120. §. CHI. — Das Foramen ovale liegt keinesweges in der Schei- dewand der Vorhöfe. p. 121. §. CIV. — Das eyrunde Loch macht eine sehr sichtbare Relation um seine Axe p. 122. §. CV. — Bernt hier- über p. 123. §. CVJ, — Was ist die eigentliche Bedeutung des forami- nis ovalis p. 124 §. CVII. — Pathologische Anatomie derselben p. 126. §, CVIII. — Die ganze Lehre vom eyrunden I,oche zusammengefafst ibid. V, Der Ductus arteriosus Botalli . . ..... 127 — 147.
Wichtigkeit der Kenntnifs desselben p, 127. §. CIX. — Allgemeine angenommene Meinung über ihn p. 129. §. CX. — Widerlegung der- selben p. 129. §. CXI. — Meine Ansicht von ihm p. j3i. §. CXIII. — Bestätigung meiner Lehre und meiner Ansicht von einem doppelten arteriellen Kreislauf durch folgende fünf Punkte a) Die Entwickelungs- geschichte der grofsen Gefäfsstämme des Herzens p. i32 §. CXIV. — b) Die anatomische Lage und Beschaffenlieit des arteriösen Ganges p. i35. §. CXVIJ. — c) Die Lehre vom Blutlaufe selbst p. 140. §. CXXII.
d) Die Injectionen mit verschiedenfarbigen Massen p. 142. §. CXXIII.
e) Die pathologische Anatomie des Ductus arteriosus Botalli. p. 143. §. CXXIV. — Rechtfertigung meiner Annahme einer Aorta cerebralis und Aorta abdominalis p, 146. .§. CXXVII,
4
— XXVI — #
Pag.
VI. Die Arteria. pulmonales , . . » . . , . i^j — i5a,
Meinung über diese Arterien und die Lungencirculation im Fötus p. 147. §. CXXVIII. — Widerlegung derselben und Beweis dafs auch im Fötas ein Lungenkreislauf da ist p. 148. §. CXXIX. — Beträchtli- chere Gröfse der rechten Lungenarterie p. i5i. §. CXXXI. —
VII. Die Pena umbilicalis. — Der Ductus venosus Arantii , . . i52 — 167, Die Angaben der Autoren über diesen Punkt sind sehr schwankend
p. i52. §. CXXXIV. — Ursprung und Verlauf der f^ena umbilicalis., p.. j54. §. CXXXVI. — Wahres Ende der Nabelvene. p. i56, §. CXXXVlIf. Der Ductus venosus Arantii p. i58. §. CXL, — Verlauf und wahres Ende desselben p. i.'ig. §. CXLI. — Nähere Bestätigung meiner Ansicht, dafs der Ductus venosus ganz und gar der Pfortader angehöre und^ nichts mit der Kabelblutader gemein habe p. 160 §. CXIlIi. — Resul- tat aus allen mitgetheilten Betrachtungen p. ifi6. §. CXLIX. — Patholo- gische Anatomie der fraglichen Gebilde p, 166 §. GL.
Die Arterice umbilicales als Anliang zu dem Vorigen , . . 187,
Verlauf derselben p. 168. §. CLIL — Eigenthümlichkeit ihrer Pulsa- tion p. 169. §. CLIII. — Ihre Zweige, ibid. §. CLIV, — Abnormitäten derselben p, 170. ibid. —
VIII. Kurze anatomische Beschreibung des Verhaltens der
Vena cava inferior im Herzen vom ungebohrenen Kalbe . 170 — 177. W^odurch unterscheidet sich das Kalbsfötuslierz vom menschlichen p. ■ i72. §. CLVI. — Der ramus dexter V e n ae cavae inferioris p. 173. §. CLVII. — Der ramus sinister derselben Vene ibid. §. CLVIII. — Die beyden Vbrhöfe stehen durchaus in keiner unmittelbaren Verbindung, p. i75. §. CLX. — Schlufs p. 176. §. CLXI, —
DRITTER ARSCHNITT.
lieber den Kreislauf des Blutes im Kinde welches noch nicht
geathmet hat und seine Beziehungen zum Jdndlichen Körper iSt — 220.
Nähere Würdigung und Widerlegung der Theorie des Sabatier . i83 — • 192.
" Prüfung und Einwürfe gegen die Theorie des Galen, Harvey und
Haller und der neueren Physiologen , . » , , , J92 — 200.
XXVIl
Kurze Darstellung clor sechszehn Punkte, auf welche meine Theo- rie Jiauptsächlich gegründet ist . . . . . , . aoo — 204. Meine Theorie vom Kreisläufe des Biuios im Fölus . . . 204, Betrachtungen über meine Tlieorie und ihre BezieJiungen zum kind- lichen Körper , ,' . , , , , . . . 20G — 220.
ERSTER ABSCHNITT.
EINLEITUNG.
Opinionum commeiita delet dies; natiitse judicia confirmat.
Cicero,
A
/
Einleitung.
§. I.
Jl/ln Schleier unilnillt das gelielmnifsvolle innere Treiben und Weben des mensch- lichen Körpers und hilll den Avifsboji^icrig - forschenden Blick von der nur spärlich überschrillcnen Grenze des klaren Anschauens zurück. — Jahrtausende wehten über den Schleier hinweg, ohne ihn zu liifLcn: kaum vermochlcn sie einige Faden des dichten Gewebes *u zerstören. Freier und klarer wohl schaut das Au"c in die Tiefen der Nalur, in das heilige göttliche Wallen, doch erspähte noch keiner im ungetrübten Lichte die Quelle des Lebens und das Ineinanderwirken des vielge- gliederlen Baues im menschlichen Leibe. Ob und wann die Zeit solchen Erken- nens konmit , weifs nur der, der den Schleier schuf! —
Dieses für wahr ist mein Bekennlnifs in der Physiologie, denn wie viel auch in ihr geleistet worden ist, wie rastlos, ernsllich und ergiebig auch das Bemühen der neuern und neusten Zeit war , — kann sich es der Unbefangene dennoch ninmier läugncn, dafs noch keine Lehre in dieser erfahrungsreichen AVissenschaft vollkom- men geschlossen ist und dafs noch keine unter der übergrofsen Menge von jNIeynun- gen und Ansichten fest und unbestreitbar dasteht. — Hiervon sind auch in derThat die am meistbearbeiteten Kapitel nicht ausgenommen und ich frage, wem wohl alle, ja, selbst, wem wohl die gröfsten Zv^'eifel über Blutumlauf, Respiration, Er- nährung u. s. w. gelöst sind. — Deshalb glaubte ich auch , es sej keili anmafsendes "Unternehmen über eine Lehre, die, obgleich sie die Länge der Zeit und die Menge
A 2
Einleitun
g-
der gröfslen Autoritäteli gleichsam unnahbar gemacht hahen, dennoeli wankt und der Stütze gar sehr bedarf, — eine Reihe von Untersuchungen aufzustellen, welche vielleicht liazu dienen werden, den Gegenstand einer neuen, sorgsamen Prüfung zu würdigen, die jedoch nicht im fernsten auf den lockenden Schimmer der Ünum- stöfslichkeit und Vollkommenheit Anspruch m-achen, denn ich erinnere mich stets, könnte meine Eigenliebe mich auf solchen Abweg fiJiren , des bescheidenen Pope,
der sagt:
TT'^ho ever thinks a faultless Piece to see,
Thinks what ne' er was, nor is, rior e'cr shall he.
§■ II-
Schon Galenüs — und wie es scheint, vor ihm noch Herophilus — kannte den Unterschied der Organe des Blutumlaufes in dem ungeborenen Kinde und dem Erwachsenen, und in seinen Schriften , vorzüglich aber in den Büchern de usu par- tium (Lib. XV. Cap. 6.) finden wir die erste ziemlich genaue Beschreibung des ey- runden Loches und des falschlich sogenannten Bota Mi sehen Ganges. — Dafs des Galen's Ansichten über den Nutzen dieser Theile nicht ganz richtig seyn konnten, versteht sich von selbst, da^ihm der Mechanismus des Blutumlaufes noch nicht hinlänglich bekannt war. So z. B, glaubte er, dafs der Ductus arteriosus deshalb dem Kinde im Mutterleibe unentbehrlich sey, damit durch denselben das zur Er- zeugung der Lungen nöthige geistige Blut in die Aorla und von derselben in das Respiralionsorgan gelangen könne. Ganz im Geiste der späteren Anatomen und der neueren Ph3rsiologen sagt er dagegen, das foramen ovale*) habe keinen andern Nutzen, als das Blut aus der Vena cava in die Vena pulmonalis d. h. nehmlich, aus dem rechten Vorhof in den linken hinüber zu leiten. Unmöglich sey dahingegen der
, *) Man wird es mir nicht zum Vorwurf machen, dafs ich mich diirchgehends zur Bezeichnung der einzelnen Theile des Fötusherzens der jetzt angenomenen technischen Ausdrücke bediene, somit Deutlichkeit und Vermeidung der Synonymie zu btzwecken suche.
G a 1 c n 11 s. II a r V c y. !)
umgf'lvclirle Weg, da dio pyrundc OcfTnung mit einer Haut hcdeckt scy, welcliR ganz die V^-niclilung •einer Klappe habe, sich leichi gegen die Vena pulnionahs zuriieki reiben lief'se, der Gewall des aus der Ilohlader andringenden lilules nach- gebe , allein demselben nicht -wieder gestaue den Rückweg zu nehmen.
§• in.
Diese Lehre, gcsliilzt auf die anscheinend sehr nalurgcniäfsc Erkliirung und die grofse Autorität ihres Schöpfers, erhielt sich unangefochten bis zum ersten Viertel des siebenzehnten Jahrhunderts , wo der Unsterbliche Harvey , durch eine vollständigere Enthüllung der Geheimnisse des Blutumlaufcs , auch den Nutzen des Ductus arteriös US Botalli deutlicher einsehen und dahin erklären liefs, dafs derselbe deshalb da sey, um das Blut aus der rechten Kammer stall in die Lun- genarteric , grade in die Aorta, Avo es sich mit demjenigen aus der linken Herz- kammer mischen müsse, zu führen. IS'icht so glücklich als mit dem arteriösen Gange war Harvey mit der Erklärung der Valvulaforaminis ovalls und haupt- sächlich hat er sich den Tadel der Anatomen deshalb zugezogen, weil er behaup- tet, die Klappe des eyrunden Loches sey zu allen Zeiten des Fötuslebens vor- handen und bodecke immer vollkommen das ganze eyrunde Loch. (Vide. Har- vey Exercit. II. de ciicuL sanguinis- Exerc. 1. p. 6o — 6i.) Im allgemeinen ge- wannen aber die Ansichten Harvey's so schnell alle Stimmen für sich , dafs über dieselben unter den Sachkundigen damaliger Zeit nicht der geringste Zw^eifel mehr obwaltete: sie wichen blos uhtereinander durch die mehr oder weniger genaue ana- tomische Beschreibung der dem Pötus eigenen Circulationsorgane ab und namentlich konnten sich die Meynungen der Gelehrten nicht über die Vena umbilicalis und den Ductus venös us Araniii vereinigen. Zwey Parihey en standen sich hier ge- genüber, und zwar auf der einen Seite ganz besonders Facricics ab Aqüapendeäte, D o m i n i c u s de Marchettis, Verheyen und alle Anhänger ihrer Schule. Sie be- haupteten die Vena umbilicalis sey kein einfaches, sondern ein verästelieles Geflifs
6 M o r g a g n i. C a r c a n u s.
und TerTV'echselten noch ausserdem mit ihr den Duclus venosus, dessen Ursprung sie in der Nabelblulader suchlen. Dahingegen erhob sich auf der andern Seile haupisächhch J o. B a p t. Morgagni in seinen Adversar. anatoni- 1. p. 24. 25. ff. und ihm schlössen sich mehrere der geschätztesten Schriftsteller an, unter denen ich nur Al- bin nenne , dessen Meynung über diesen Punkt wir durch Hermann Bernhard in seiner Dissert- de eo quo diffbrt circuilus sanguinis fo^liis ab illo hominis na tieic. p. SSa. , ausgesprochen finden. Diese Anatomen sehen sämmtlich die Vena umbilicalis als einfaches, sich in die Vena porlarum senkendes Cefafs an und finden den Ur- sprung des Ductus venosus nicht in der Forlsetzung der Nabel vene, sondern in der P f o r t a d e r selbst. ^
Unter den früheren Schriftstellern , aus denen unbezweifelt auch Morgagni ge- schöpft hat, verdienen als Begründer dieser Ansicht Vesling und sein Commentator Blasius, vor allen andern aber der aründllchc Anatom und eelehrle Phvsiolos, Franciscus Glisson in seiner Anatomia hepalis im 26. und 53. Kapitel nachge- lesen zu werden. Die abentheuerliche Ideedes Carcanus, dafs der Ducius arterio- sus Boialli ein Zweig der A^orta descendens sey und sein Blut in die Arteria pulmo- nalis leite, verdient hier allerdings auch aufgeführt zu werden, allein nicht zeilge- mäfs Avürde es sej^n, mich in die Widerlegungen dieser sclion von Carcanus Zeit- genossen häufig und bitter gerügten Ansichten einzulassen.
'§■ IV.
Dieses ungefähr ist der Standpunkt, von welchem aus die Meynungen und Lehren jener Zeit über den schwierigen Gegenstand vom Blutumlaufe im Kinde, welches noch nicht geathmet hat, beurtheilt und gewürdigt werden müssen. Die vorgefafsle Theorie fing an festen Boden zu gewinnen und würde sich gewifs auch bis zu den neueren Zeiten erhalten haben, da man das ganze Gebäude als ziemlich geschlossen und erkannt ansah , hätte nicht in den letztern Jahren des siebenzehnten Jahrhun- derts ein sehr scharfsinniger und geschickter Anatom und Wundarzt den bestehenden
Jean M (■ r y. 7
Anslchlcn ciiip andere pnif;of;ongpsci7.l , dio idlcidings jene in ihren Orundpfcilern zu erscliiiltern drolilc, ziiiii;»! da sie %<in ihrem \'erfeehler durch selir wirksame Ocgon- r.iislungen gesehiU/.i und sieUer gcslelll wurde. — hh spreche neliiidieh von Jean MiiRV, einem Manne, der 55 Jahre sein(\s thaligen Lebens ausschliessend den Wissen- schaf len ■wimmele , der, als er niil seiner neuen Theorie li(r\oiir,il, schon selir vor- llieilhafl als Analoni durt-h eine; rcclil gule Zergliedeiung des GelKirorgans (Paris 1,677. 1 3°) l)ek:uinl geworden ^\;\v und in seiner j)rakiisehen Lau(I>ahn sicli den glänzendsten Namen erworben hatte. — Mkry im vollen Vertrauen auf die Richtig- keit folgender acht Punkte, forderte alle Anatomen seiner Zell auf, iliiu die Nidi- tJskeil der aufüicslelllcn Facta und der daraus caiwickclten Resultate zu beweisen.
:' . §• V.
Sein ganzes System beruhte:
1) Auf der Zergliederung der grofsen Seeschlldkröie, Testudo mydas- in deren Herzen er drey Ventrikel fand, unter welchen in dem linken kein Gefafs entsprang, sondern blos die- Vena pulmonalis aufgenommen wurde und wo ferner eine freye Communicatlon zwischen der linken und der rechten Herzhöhle bestand.
2) Auf der Voraussetzung, dafs das Blut im Fötus eben so wie heym Erwach- senen durch die Lungen circuliie „qida ^rteria Aorta, pulinonali capacitata sua ,iiJiinor exislens tränsmiltendo omni sanoulni per dupliccm anastomosin aj/luenti, „impar est'' und da nun durchaus die Capacität der Gefafse mit der l^enge Blutes, welches sie zu führen haben , im graden Verhallnisse stehen nnisse, so folge hieraus ganz ungezwungen, dafs ein grofser Thell Blutes auch durch die Lun- gen getrieben werde.
5) Auf der Bemerkung , dafs der Durchmesser beyder Zweige der Arteria pul- monalis grofser sey als derjenige der Aorta. Hieraus folgert MiiRY dafs alles aus den Lungen zurückkehrende Blut unmöglich durch die Aorta allein getrieben wer- den könne, sondern dafs noihwendigei-weise ein bcdcuiendcr Thell desselben aus^
8 Jean M e r y.
dem linken Vorhofe durch das Foramen ovale "wieder in den rechten zurüel- treten müsse.
4) Auf der dem Autor ganz unbczvcifclbaren Voraussetzung , dafs das Blut so- wohl im Fötus als wie auch im Erwachsenen mit eben derselben Schnelligkeit durch die Arieria pulmonalis getrieben werde, mit welcher es durch die Aorta hindurchlaufe. ^
5) Auf der sehr sorgfältigen Auseinandersetzung, dafs die Klappe- des eyrun- den Loches nicht ausschliefslich so gelagert sey, dafs sie das Blut aus dem rech- ten Vorhofe nur in den linken überfliessen lasse, sondern dafs auch eben so gut der umgekehrte Fall eintreten könne, denn: sagt Mery, wenn die Valvula den angenommenen doppelten Nutzen (nehmlich , den Zuflufs des Blutes aus dem rechten in den linken Vorhof zu begünstigen und das Gegenüieil zu verhindern) hätte, „cerluin. est quod sanguls, qid continuo fluit per truncum Venoß pulmonalis^ „impinoendo in hanc V alvulam, haberet multo plus roboris ad ienen'dam illam „orificio foraminis ovalis applicalam, quam haberet sanguis vencc cavcß adillam^ ,,apperiendam , quoniam hie sanguis nonnisi- leviter incedit a latere super prce~ „tensam Valvulam" Deshalb, wenn eine Klappe da wäre, welche das foramen schliefse, wäre wöder der Uebergang des Blutes aus dem rechten in das linke, noch, aus diesem in jenes Atrium möglich und denkbar,
6) Auf dem mehrmals wiederholten Experimente, wo nehmlich bey Injeciionen von Wasser in die Aorta oder die Vena pulmonalis, die Flüssigkeit ganz leicht aus dem linken Vorhofe durch das eyrunde Loch in die rechte Herzkammer gelangt sey. Dasselbe bestätigt sich auch beym Einblasen von Luft in die Aorta und nachherigen Trocknen des Herzens, wo jedesmal das foramen ovtde vollkommen offen- stehend gefunden wird.
7) Auf der gröfseren Ausdehnung einer sehr gewagt aufgestellten Meynung,
die allerdings schon früher von vaiv der Wiel, Bohn, Pechlin, Boyle und an- deren verlheidigi worden war, dafs nehmlich der Fötus zu seinem Leben und vor- züglich
Jean 1\I e r y. 1>
ziiglich zur Circulalion vhoji so nollivvondig I.ufl i)odüifc, \vin der Erwaflisonc {Jcla Mcad- reg. scient. 1700. Jiist. p. 52. utem- p- ^-"i^-Jf) I^'' "un , schllcfsl Mery , der Tölus ■\vohl dic\scll)o Blutniongo in Yciglcicli seines kleinen Körpers, ■wie der Erwachsene, allein nidit auch vcilialiniiMniifsig so viel Lufl habe, so ■würde diese Iclzlere nielil zur Unierhahung der Blulcirculalion liinreicJien, wären die Wege derselben nlelit abgekürzt worden, was denn auch der Schöpfer der Dinge durch die dem Ungcborcncn eigen ihümllchcn Organe zu be^^crkslelIigcn gesucht habe.
Und endlich 8) auf der genauen vergleichenden Zusammenstellung der verschie- denen Durchmesser und Capaciläten welche die Arterien , Venen , Vorhöfe und Kammern des Herzens unter sicli halien.
§. VI.
Aus diesen acht Punkten baut Mery eine ganz neue Theorie des Kreislaufes und sagt: die ganze Masse des Blutes hat im Fötus einen doppelten Kreislauf, nehnilich den einen durch die Aorta und ihre Ramificationen, den anderen durch die Verzweigungen der Arteria pulmonalis. — Keine dieser Circulaiionen hängt von der anderen ah und um eine jede selbstsländig zu machen, w'urde das Fora- nien ovale und der Ductus artcriosus Botalli geschaffen. Von der ganzen Blutmasse der rechten Kammer geht ein Dritlhcil durch den Duct. arler. Boialli in den untern Theil der Aorta und circulirt durch den ganzen Körper ohne diie Lunge und den linken Ventrikel zu berühren; zw ey Drittheile dahingegen gehen durch die Lungen und kommen in die linke Vorkammer zurück. Von diesen zwey Dritteln geht abermals eines durch das eyrunde Loch in den rechten Vor- hof, ohne den linken Ventrikel zu berühren und das zweyte Drillheil geht in die linke Kammer und von da in die Aorta über. Hieraus erhellt nun deutlich, dafs sowohl das Foraniens ovale wäe der Ductus arterlosus dazu da sind, um das Blut im Fötus auf kürzerem Wege als im Erwachsenen herumzuleiten, und dafs
10 , J e a n M e r y.
nicht nur ein sehr grofser Theil Blutes an und für sich schon in die Lunten ee-i schickt "werde, sondern dafs diese Menge noch durch dasjenige Blut einen Zuwachs i erhalte, welches der Durchmesser der A. aorta ausschliefst, d. h. welches aus deiu linken in den rechten Vorhof tritt.
Den Nutzen des Ductus venosus Gllssonii bestimmt Mery dahin, dafs derselbe deshalb da sey, um das mit Luft geschwängerte aus der Placenta zurück- kehrende Blut, auf den kurzmöglichsten Weg zum Herzen zu führen, dauiilesda-' selbst noch seine volle belebende und anregende Kraft habe, was nicht geschehea könnte, wenn die Blutmasse erst, wie beym Erwachsenen, aus der Vena portaruin. durch die ganze Leber circuliren müsse.
§. VIT.
Dieses ist der Entwurf zum Bilde der MrRY'schen Tlieorie, ein BilB, dessen einzelne ZÜ2:e nur schwer klar und deutlich aus der unbegreiflich erofseii undver-, worrenen Menge von Acten über diesen Gegenstand zu sammeln und zusammenzu-; istellen sind. Man kann keinem, der die Mery 'sehe Theorie vorträgt, unbedingt; glauben, da fast alle gleich von Anfang an befangen und vorurtheilsvöll an die,' schwierige Arbeit gingen. *) . i
Die neue Theorie hatte kaum das Licht der Welt erblickt, als sie schon ihre; heftigsten Gegner flmd, unter denen DuveriNey , Morgagni, Verheyen, Palfyn , ganz vorzüglich aber Lemery und später Haller die bedeutendsten waren. Der Streit i selbst aber wurde, nachdem er schon anfing alimählig sich zu legen, erst durch das j grofse überwiegende Talent des Verfassers der ElenientaPhjsiolo(ri(Si im T. VIH. pag. 385 — Sgy; ganz zum Stillstande gebracht. Unter den früheren Gegnern verdient in geschichtlicher Hinsicht besonders Verheven , in seiner zwar sehr genauen
*) Meri trägt seine Lehre vor in: Mein, de l'Acad, des seiences, 1705., besonders aber in sei- nem: Nouvenu Systeme sur la circulation. Paris 1703.; ferner noch in &er\ Actis Acad. reg Paris. 170S. mem. p, 240. ff. ibid. Anno 1714. mem, p. l38- ff. und an anderen noch später zu er- wähnenden Stellen. ,
Jean M e r y. W i n s I o av. i 1
aber sclilcchl al'gof^rnnz.tc« yinaloniia corj>o/i's Iniinanl , etc. elf. Anistcloclami ar .Lipsi.TC 173J., libcr Secund. p. 7f)j — 7iS.'j. narligclcscn /u ■\;c'r(l(M. — liir des einigen !\Ikkv's Tliooric warrn fasl kviim Vorllicidigcr und k(;inrr erstand, der sie unbedingt angenoninien liiiilo, denn nur lieciingungsM'cise ualen auf seine Seile: -die Aeadeniie der Wissenschaften in Paris und mit ilir VVinslow. Naelisl diesen thciken unsrcs Autors Ansichten noch Martin ListKK und J. li. Dia>ciii.
§. VIII.
So grofs auch der Widerstand Avar, den der wackere ]\Ii':ry zu ^lbc^^^indcn fand, so hielt ihn nichts ab, seiner Tlieoric mit allen ihm zu Gebote stehenden HiUfsnilt- teln Eingang zu verschafiTen und seinen selir scharfsinnigen Gegenbemerkungen, beson- ders aber den 23 Punkten , mit welchen er sicli in einer eigenen Schrift gegen Tatvry und Verheyen \crtlicldlgt , (siehe Traue physiqiie de Mr. Mery, conlinant 1) Uli examen des falls observcs par Mr. Dvverkey au cmur des lorlues de lerre, 2) une r^jionse ä sa critique au nouveau sjsleuie de la circulalion etc. etc. Paris 1705. .j-) verdankt er es, dafs die Academie der Wissenschaften in Pa ris sich sclir auf .'eine Seile neigte und den Wunsch äusserte, (in mehreren Me- moiren von 1699. 1705 und 1722., besonders aber 1705. hisl. p. 43-) die ältere Theorie mit der neuen MEKK'schen vereinigt zu sehen. — Diese Amalgamation ver- suchte ein eben so scharfsinniger als geübter Anatom, jedoch nicht mit gewohn- tem Glücke. Jacob Ben. Winslow war es der in den Act- recr. Soc- Par- A. 1717. hisl. p. 23. mem. p. 2S0. diese schwierige Aufgabe lösen wollte, wobey er hauptsächlich seine ganze V'erlheldigung des Mery darauf sLützte, dafs eine freye Communicallon zwischen beyden Vorhöfen , sowohl zwischen dem rechten und linken , w ie auch zwischen diesem und jenen bestehen könne , selbst wenn auch die Valvula foraminis ovalis noch so. grofs sey , denn dieses Gebilde fiihre fälschlich den Namen einer Klappe, indem es keinesweges mit denen im übrigen Körper übereinstimmend, gebaut sey. Alle wahren Klappen haben durchaus eine solche
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Stellung , dafs sie mit ilirerr} freyeij, hin und her beweglichen Rande von der Wand, mit welcher der Bodeu verbunden ist, abweichen und im Gegentliell an die gegenr überstehenden Wände treten, um durch ihre Concavität den Rückgang des Blutes zu hindern. Diese Valvula foraminis ovalis aber, schwimme gleichsam im Blute von beyden Seiten herum und stehe in beständiger Bewegung. — Aber auch ganz hier- von abgesehen findet Winslow eine neue Bestätigung seiner Ansicht einer ganz un- gezwungenen Gemeinschaft beyder Vorhöfe noch aufserdeni^in dem Embryo, wo das foramen ovale ganz ohne Haut ist. Eben so hält er den Ductus arteriosus für das Verbindungsglied beyder Ventrikel und betrachtet daher auch diese in phy- siologischer Hinsicht als eine einzige Höhle. ^
So eifrig sich auch WiNSLOW der Sache annahm, so verhallten doch bald seine Worte und keiner hat ihn widerlegt , obgleich seine 7\.nsichten über diesen Gegenstand sich ziemlich allgemein verbreitet und sogar manche Anhänger er- worben hatten, W"ie z. B, Alexius Littre.
§. IX.
Gleichzeitig ungefähr ,' nehmlich im Jahre 1724 gestaltete sich eine neue An. sieht über den Blutumlauf im Rinde, die der Mer-x 'sehen im Ganzen sehr ähn- lich ist aber doch ihr grofses Eigen ihümliche hat. Peter Simon Roühaült lehrte dieselbe in seinen Osservazione anatomi cho-ßsiclie. Torin. 1724, 4- m^j» ""d vorzüglich in seinem Discours sur la circulalLon, Turin 1718, 4- Roüiiault geht von der unbezweifelten Voraussetzung aus, dafs das eyrunde Loch während der Diastole nicht offen stehe, sondern zusammengezogeiv sey und dafs sich dasselbe nur dann erw'eitere, w^enn die Herzöhrlein sich conirahiren. Wäh- rend dieser Erweiterung aber geschehe der Uebergang des Blutes aus dem einen Vorhofe in den andern und zwar aus dem linken in den rechten, unmög- lich aber umgekehrt und zwar aus dem einfachen Grunde, weil, wenn das Blut zur Zelt, wo das foramen ovale geöffnet ist, gegen dasselbe von beiden Seiten
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andringt, die gröfscrc Kraft dor klclnoren -woiclion müsse, und Iiinr in dirscm Falle scy die Krafi des linken VoilioHis dreyuial so stark als die des rechten. Die dreyfaclic Kraft aber liabe ihren Grund in der Kraft der linken Kam- mer, wenn man sie mit derjenigen der rechten vergleiche, Avclche auf das sich im Umfange der Valvularum mitralium und tricuspidallum befindende und bei der Systole der Kammern nach obenhin getriebene Blut, einwirket.
Mit RoüUAüLT starb auch seine Lehre, die nur deshalb noch genannt wird, TTcil sieder MERv'schen so naheliegt, und mit vielem Fleifse zusammengestellt wurde.
Mery , und dieses scy das letzte Wort über seine Theorie bei welcher ifh mich zu lange schon verweilt habe — setzte bis zu Haller's Zeilen, also volle 4° — 5o Jahre durch seine seltenen Talente die Federn aller Anatomen und Physiolo- gen in Bewegung, ohne dafs ihn ein einziger besiegt hatte, und bahnte offenbar durch seine Ansichten, deren gründliche Widerlegung docli sehr nahe liegt, ei- ner genaueren Untersuchung und vorurlheilsfreyeren Behandlung des schwierigen Thema's den sichren Weg. Hohe Achtung gebührt also sicher dem Manne, der in der Lehre der Circulation, gleichsam ein zweyter TycHO de Brahe, so kräf- tig zur Förderung besserer und gediegener Kenntnisse vom Bkitumlaufe beytrug!
§• X.
Die erste friedliche Slimme, die aus dem MERy'schen blutigen Kampfe her- vortönend, offen und unbefangen die neu errungene und treffliche Beute ver- kündete, war die des unvergleichlichen Albin's in Hermann Ber.nhard's Dis- sertation: de eo, quo dlffert circuitus sanguinis Jbetus ab illo hominis nati Lugd. Baiav. 1753, 4- oder auch im Overkamp Collect, opuscul. T. I. Diss. XL V. pag. 543 — 558. Ber>hard's oder Aäelmehr Albin's gröfstes Verdienst für eine deutlichere Verständigung bestand unstreitig darin, dafs er dem verkannten foramini ovali eine würdigere und naturgemäfsere (wenigstens schien es so) Stellung in den Lehrbüchern der Physiologen anwies. Seine sehr sorgfältige Beschreibung dieses
j4 B e r n li a r ci
Gegenslandes, finden w'ii- in der elen angeführlen Slreitsclirifl p. 555, -o'O es heiTst; Das eyrunde Loch isl grofs, hat eine eyrund(j Figur und steht z^isclien dem rechr len und linken Voihofe, dessen ganze Scheidewand in früherer Zell von den.sel- ien durchbohrt ist. Hierdurch "wird es mögUch dafs das Blut aus dem Alrio dexlro in sinislrum loninien kann, allein nicht leicht (?) aus dem linken in das rechte, weil einem solchen Durchgange eine Membran, die die Dienste einer Klappe versieht, enl gegensteht. Diese Haut, welche von dem gröfsern Theile des Uni- fanges des Loches entspringt, und zwa-r an der Seite des Atrii sinistri, isl über das ganze foranien gespannt, und gleichsam in 7?\vey Hörner getheilt, welche etwas über den vordem Theil des Loches fortlaufen, ingleichem auch an der Seite des linken Atrii, und sich dann genau an eben dem Theile der Scheidewand der Vor-
Jiöfe endigen (?) . Das foramen ovale isl also mit solch einer Haut deshalb
Ledeckt, damit es niemals offen stehe „si vero santruis siniis sinistri urgent „parietem intergerinum sinuum, urgeat eliam memb/anam,e.Tplicet, teridat, ob- „tendatque forainini exquisite-, ut nihil elahi possit''; wfenn aber das Blut von rechts nach links strömen will, drückt es die Membran etwas in den linken Vorhof und bahnt sich so zwischen den Hörnern der Haut und dem vordem Theile der Oeffnung einen schrägen Weg, kann aber nicht das ganze foramen eröffnen , weil die klappenartige Membran, welche zwar dünn, aber doch gleichsam von lendi- nöser Stärke isl, damit sie hinreichend Widerstand leiste — ihrem gröfslen Umfange nach, mii den das eyrunde Loch bildenden Theilen verwachsen ist.
Von dem Canalis arteriosus meint Bernhard — Albin (p. 554.) man könne ihn als einen Zweig der Vena pulmonalis, welche als aus zwey Zweigen gebildet angesehen werden müfste, betrachten und demnach seine Wirkung erklären. Der Ducius venosus sey eine Forlsetzung der Vena poriarum (p. 552.) und die Nabel- vene deshalb — man bedenke die wichtige Ursache — von der gütigen Natur erst in die Vena porise und nicht grade zu, was doch kürzer gewesen wäre, in die Vena Cava ascendens gesenkt worden (p. 55i.) quia j^non jpoterat Vena umbilicalis Ja-
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„c//e ah umbi/ico, ahsque pcriculo iinpedimenli, oh viscera quihus abdorrten „implelurn est, od caiuitn per-venire: ilarjue dcduxil natura ad maxiinc et „umbilico clcofdi viciiuun venairi insigne/n, quaeesl rarnus illc Veiiai porlaruni.''^
i XI.
Dem anatomischen Thcllc dieser UntcrsucUungcn kann man das Lol) vorur- tlteilsfrcjcr und unbefangener Untersuchungen eben so wenig absj)reehcn , als inun in den physiologischen Ansichten die rohste, rein mechanisch leitende Idee ver- kennen kann. Diesen Mangel, der unter den bessern SclirifLstellern jener fiir die mcdicinischen Wissenschaften so ergiebigen Zeit, von vielen Seiten her lebhaft em- pfunden worden scyn mag, ist es auch zuzuschreiben, dafs die anatomischen Rc« sidiale der von Ar.BiN vorgenommenen Zergliederungen von Kindesleichcn angenom- men Avurdcn, allein jeder bildete sich aus den vorhandenen Materialen seinen eigenen Götzen und huldigte diesem ausschlicfslich. Statt vieler anderer im Ganzen und We- sentlichen wolü übereinstimmenden , allein in Einzelnheiten bedeutend abweichen- den Theorien, erinnre ich blos an die Namen von Morgagni, Grell, Nie. Lejierv, J. J. Hüber, J. G. Roederer, J. F. Lobstelx des Vaters, J. Mich. Dioboldt, Salzmann und noch vieler anderer, vor allen aber hauptsächlich an Haller und Trew. — Haller's Ansichten hallen den vorsichtigen Mittelweg zwischen den älteren und neuen Theorien und sind,- wie fast alle Meynungen dieses grofsen Physiolo- gen, auf vielfache und treue eigne Beobachtung gestützt Das sorgfältigste Studium alles dessen, was vor Haller's Zeiten über diesen Gegenstand gearbeitet worden und eine kritische üebersicht aller Materialen sind auch an dieser Arbeit unverkenn- bar. Seine Lehre über den Kreislauf des Blutes im Kinde ist die jetzt allgemein an- genommene und in allen Lehrbüchern verzeichnete. Ich verweise daher den Leser an das Ende dieser Einleitung wo die HALLER'sche Meynung als die jcizi gellende in Kürze dargestellt ist und diejenigen, die sich aus der Quelle selbst Ralh crhoh- len wollen, mögen Haller's EleineiiLa Phjsiologice C H- Edlt. Berna3 1766. 4-
16 T r e w.
Tom. Vril. Lib. XXIX. Scct. IV. §. XLIII. — LTII. p. 573 — 597. nachsclilagen und ausserdem noch Ej- Opera minora T. I. über die Valvula Eustacliii und das F o r a m e n o v a 1 e. ^
§. xir.
Jedoch als die gründlichste, trefflichste und ausführlichste selbst bis diesen Augen- hlick erschienene Schrift, liann ich das klassische Werk von Chr. Jac. Trew anempfehlen: Diss. epist- de differenliis quibusdam inier homineni natum et nascendum inlercedentihus etc. etc. Norirabergae 1736. 4- ™it fünf Kupferpl.j deutsch und vermehrt erschienen ebenfalls in Nürnberg 1770. l\.
Dasselbe steht gleich hoch durch Gründlichkeit und ich mögle fast sagen ängst- liche Genauigkeit der Untersuchungen, als durch treue, richtige Beurtheilung anderer und gevi'issenhafte Mitlheilung eigner reiflich erwogener Meynungen.
Das Werk hat mir viel genützt und hatte ich mir nicht vorgenommenj hier einen rein geschichtlichen Abrifs von den verschiedenen Circulationsleliren im Fötus zu geben um mir selbst nicht vorzugreifen und um lästige und Zeit raubende Wieder- liohlungen in diesem und dem zweyten Abschnitte meiner Arbeit zu vermeiden , so ■würde ich es für keine überflüfsige Arbeit gehalten haben , den Leser näher mit Trew's Resultaten seiner Erfahrungen in der Kürze bekannt zu machen, da die etwas weitschweifige Schreibart des Verf. es erschwert, ihm ganz zu folgen, — Der Abschnitt von p. && — i3g. der deutschen Ausgabe , ist der bey weitem Ichr- reicliste und lesenswertlieste der ganzen Schrift.
§. Xllf.
Wenn ich die vorliegende geschichtliche Skizze hätte chronologisch in Zeit- räume — der Geschichte ähnlich, die uns das Schicksal von Völkern vorüberfülirt — eintheilen wollen, so würde ich leicht und ungezwungen deren fünf haben fest- stellen können, von welchen der erste die Lehre des Galen und Harvey bis zu
Jean
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Jean Mi';r3% der zwcytc die stiel ihcwogle Periode von Mi-iiv Ms Aluin, der driiLc die friedliche Zeit von Aijsin bis IIalt.kr und Tmw uinfast und an der Gränze des vi er ton stünden wir jet/.t. — Ich mufs es gesiclicn , dafs keine glän- zender begann als diese und dafs keine von dorn Manne, der sie schuf, würdiger und ernster cröfTnct wurde, als eben grade sie.*)
Caspar Friedrich WoLFF, Mitglied der Acadcniic der Wissenschaften in St. Petersburg, ein Deutscher, eminent durch grofses Talent, richtigen und schar- fen Blick, unübertroffen und klassisch in seinen Untersuchungen über die Mus- kelfiebern des Herzens und über die Bildungsgeschichle des Hidinchcns im Eye, las in der Sitzung der Academie, am ii. Jan. 1776. eine Abhandlung: de fo ra- mine ovali, ejusquc usu in dirigendo motu sanguinis. Observa- tion es noVc-E vor (siehe: Novi Commentarii yJcadeinioe. Scient. Imperialts Petropol. Tom. XX. von p. 557 — 4^0 , mit 2 Kupf (tab. VII, und tab. VIII.) und entwickelte hier folgende Ansichten i'd)er den viel und oft bestrittenen Gegen- stand des Kreislaufes.
*) Dem ersten Anscheine nacli und bei flüchtiger, oberflächliclier Betrachtung könnte man leicht verleitet werden, mich hier einer historischen Untreue zu beschuldigen und zu sagen, dafs nicht WoLFF, sondern vielmehr Franc. Nicholls und Sabatier diesen vi e r t e n Zeitraum eröffnen, indem Franc. Nicholls seine Schrift: de anima medica, prcel, hubita n Fr. N. M, D., cui accessit disquisitio de inodu sanguinis et cordis in homine ntito et 7ion nnto , tab. aen. ilhistr. schon in London 1775. herausgegeben habe und Sabatier's Memoire sur la Circuhition du sang etc. am 20. Decbr, 1774, vorgelesen worden sey , während Wolfp seine Beobachtungen der Academie der Wissenschaften erst am 11. Januar 1776, also volle zwey Jahre spater mit- theilte. Jedoch meine Untreue ist nur scheinbar, denn bei genauerer Durchsicht findet man, dafs W01.FP seine Entdeckung schor im Jan. 1771. (I. c. p. 361. am Ende) gemacht hatte und es nicht aussemittelt ist, wann Nicholls und Sabatiek die ihrige machten. Ausserdem sind Wolff's Beobachtungen bereits 1776. Sabatier's hingegen erst 1778 gedruckt. Dieser Umstand tritt übrigens keinem der ebengenanulen Anatomen zu nahe, denn wie es scheint machten sie alle drey ilire übereinstimmenden Beobachtungen zugleich und keiner schrieb dem andern nach, wenigstens ist dies von Wolff und Nicholls ervveifslich. Höchst beachtenswert]! ist übrigens dieses gleichzeitige Erscheinen einer so einflufsreiehen Lehre in, drey so weitentlegenen Ländern und nicht wenig günstig ist das Voriirlheil für die so eilt-
standene Theorie.
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§. XIV. ,
Die Natur ist in ihren Gesetzen sowohl, als wie auch, in den Mitteln und Wegen die sie gleichzeitig mit denselben geschaffen hat, sich immer gleich und unveränderlich und bedient sich niemals einer Einrichtung die nur einmal im Körper da wäre und nirgends sonst ein Analogon habe. — Das eyrunde Loch aber würde das einzige Beyspiel im Körper sejn, wo die Natur ein einfaches Foramen in Anwendung gebracht liabe, um die Communication zweyer so wich- tiger Höhlen zu bewirten. Verbindungscanäle und Oeffiaungen von Gängen und Gefälsen findet man überall, allein ein bloses Foramen nirgends j der Ductus arie- riosus Botalli selbst, hat ein sehr bemerkenswerthes Analogon, der unzähligen .^Gefäfsanasiomosen nicht zu gedenken, in der Arleria basilaris. — Demnach niufs auch das foramen ovale nodiwendig eine bei weitem andere Bedeutung haben, als die bisher ihm beigelegte, und zwar glaubt AVolff, dafs das eyrunde Loch keines- weges einfach sey, sondern dafs dasselbe im rechten Vorhofe ein bei weir tem anderes wäre, als dasjenige im linken. Der obere Theil ifer Mündung, welcher von dem sogenannten Isthmus Vieussenii gebildet wird, ist in beiden Vorhöfen derselbe, allein der untere Theil unterliegt in jedem Atrio einer grofsen Verschiedenheit. Die Methode des ETüstachics, nehmlich den Vor- hof zugleich mit der Kammer an ihrer vorderen Fläche mit einem Schnitte zu öffnen , ist die einzige , welche alle zum eyrunden Loche gehörenden Theile in ihrer Integrität läfst und dem beobachtenden Auge zeigt. — Diese Methode auf die rechte Herzhälfie angewandt, erkennt man deutlich die eyrunde Form des Loches und sieht , dafs seine obere Mündung dem obengenannten Isthmus seine Entstehung verdankt, die untere Mündung dagegen, von der halbmondförmigen Valvula Eusiachii gebildet wird, w^elche an ihren beyden Extremitäten genau mit dem Isthmus verbunden ist und das Ganze schliefst. Auf diese W^eise entsteht ein „foramen perfectum et integrum", — welches noch das einzige ist „quod in re-
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„gionc sepll in dcxtrum siniim hiat." — IIinsirliilI<;h der linken Ilerzlüilfic aber, so öffne man diese von der lilnlcicn Seile, da •wo sitli die Veiiie palinonalcs ein- senken und man wird eine Oeffnung ganz anderer Natur aJs diejenige in dem rech- ten Alrio vor sich sehen. — Hier erhhcki man zuerst die Valvula foraminis ovalls, welche, wenn sie sich selbst überlassen wird, oder Frey im Wasser fluelulrt, mit ihrem oberen coneaven, und dem convexen Rande des Islhmi Vieussenii welcher über ersleren sich wölbt, ein vollkommenes Orificium bildet. — Es ist also ganz klar, dafs sowohl im rechten als wie ina linken Vorhofe ein anderes foramen sey, da das eine und zwar das rechte, aus dem Arcus Vieussenii und der Valvula Euslachil, das andere oder das linke dahingegen, aus demselben Arcus und der Valvula foraminis ovalls gebildet wird. — „ Stjlum sagt Wolff nonnisi magna f,€um dijfficuUate ex sinu dextro per foramen, quod in hoc patet et inde porro i,per illud, quod in sinistrum hiaC, in hunc sinistrum sinuin adigi poterat-^^ Eben so schwer war es im linken Vorhofe mit dem foramini sinus slnislri, ,,sed „contra, sive ex dextro sive ex sinistro sinu ille (stylus) immissus fuerit fora- i,mim, quod cuilibet sinui respondet, facilliino negotio et sponte cedcbat deor- f,sum f Vena que cava exibat inferior i^'^
§. x\\
Aus diesen Beobachtungen und aus späteren noch näheren und genaueren Un- tersuchungen fafst W^OLFF seine ganze Lehre in folgende Worte zusammen : W e- der der rechte noch der linke Vorhof stehen mit einander in un- mittelbar er V erbin dun g, sondern zwischen beyde Vorhöfe ist die Vena cava inferior eingefügt (interposita est V, c. Inf). Sowohl die Oeffnung im rechten, als diejenige im linken Atrlo sind Mün- dungen, jedoch isolirte Mündungen dieser Vena cava inferior, ujid so zwar dafs ein jeder Vorhof durch seine Oeffnung in die Vena cava führt, allein dafs keine von beyden mit dem anderen
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'i auch nur im fernsten communicire. — Hieraus folgt also dafs sich
die Vena cava inferior mit zwej Mündungen in das Herz einsenken müsse. . Ferner geht aus Wolff's Arbeit hervor, dafs eigenlHch die Vena cava infe- rior, bey ihrer Einmündung, einzig und allein durch den Isthmus Vieussenii in ihre zwey verschieden abz^veckenden Lumina gelheiit "werde, und dafs überhaupt der i2,anze rechte Vorhof und die Valvulä Eustachii nur als Fortsetzung der recli- ten V\''and des parietis dextri der Vena cava inferior angesehen werden müsse, . ganz eben so, wie die linlce Hälfte der unteren Hohlader ausschliefsend den lin- ken Vorhof sammt der Valvula foraminus ovalis bilde. Dem Umstände, dafs die linke Hälfte der unteren Hohlader bey weitem gröfser als die rechte ist und- dafs sie höher hinaufsteigt als erstere, ist es vorzugsweise auch zuzuschreiben, dafs das Orificium atrii sinistri oder das foramen ovale prbprie sie dictum nicht nur gröfser, sondern auch höher gelegen ist, als dasjenige im rechten Vorhofe. Nach diesen vorausgeschickten Bemerkungen wird' es auch deutlich, dafs das fora- men ovale eigentlich nichts anders seyn könne, als: „ipsum orificium venai cavcB „sinistrum, quo in sinum sinistrum aperitur et cui valvula illa tubulosa (nehmlich die sogenannte Valv. foram. ovalis) basi sua adneclitur."
Ueber die Bildungsgeschichte des Herzens sind gleichfalls in dieser herrlichen Abhandlung höchst schätzenswerihe Beiträge , unter welchen besonders die voll- kommene Bestätigung der HALLER'schen Beobachtung, dafs bis zum dritten Monate die Vena cava inferior ganz in den lihken Vorhof münde , beachtet zu werden Verdient, da Wulff sehr oft und sorgsam diese Thatsache zu bestätigen Gelegen- heit hatte. -
Er giebt ausserdem noch an, dafs ungefähr in den letzten Monaten zwei Drittheile des Blutes der Vena cava inf. in den linken und ein Drittheil in den rech- ten Vorhof gelange , und dafs die Function sowohl als wie die organische Bildung der Valvula Eustachii inr d r e y m o n a tl i c h e n Embryo ihren CulminaHonspunct erreicht habe, nachher aber, und hauptsächlich kurz vor der Geburt ihren phy- siologischen Werth zu verlieren anfange.
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§. XVI.
Die aus clioscr clgonlliiimllclicn Vorrlclilung des Herzens eninommenc einfache und ungezwungene Theorie des Blulumlaufcs im ungeborenen Kinde isl zu klar ulid zu dcuüieli , als dafs ieli nölhig halte, sie erst meinen Lesern mil Wolffs ei- genen Worten milzuthcilen. Ich verweise jedoch jeden, den die Sache näher ange- hen sollte, auf die §§. 55 — /^o. oder p.p. 398 — /joa. um daselbst noch ausser- dem die Dc>rlegung der sehr scharrsinnigcn und gröfslenüieils überaus ircfTeridcn Gründe nachzulesen, mit welchen die Unzulänglichkeit und Unmöglichkeit der da- mals und jetzt allgemein angenommenen Circulationstli€;orie erwiesen wird. Ich ■würde mich auch hier, wie gesagt, zu weil vom Pfade entfernen, wollte icli mich dieser Arbeit unterziehen, jedoch werde ich die wichtigsten der Gründe im Verlaufe meiner Arbeit selbst, noch berühren und erörtern. Diese Wiederlegung — bei- läufig sey es hier gesagt — ist auch in dem ganzen Abschnitte „de Motu sancruinis j,in Fcetu^^ (p. Sgy — 4^8) das Beste, während das Uebrige und vorzüglich die' physiologischen Ansichten über den Nutzen des Ductus arteriosus Botalli tief, sehr lief, unter dem klassischen Werthe der geistreichen Abhandlung stehen.
IMan wird vielleicht wünschen, noch hier Wolffs Ansichten über den Ductus venosus verzeichnet zu finden, jedoch mit Bedauern mufs ich bemerken, dafs ich von ihm auch nicht ein Wort in der ganzen Arbeit des gelehrten Anatomen gefunden habe, was mir um so unerklärlicher ist, da die Untersuchungen iiLer die Vena Cava inferior (die freilich sich nur auf ihre Einmündung in die Atria beschränken) S(T überaus genau und mit wahrer Meisterhand durchgeführt sind.
§. XVII.
Auf diese neuen'^^und einflufsreichen Thatsachen gestützt, trat Wolff's Lehre mit froher, gerechter Hoffnung in die Welt, denn Wahrheitsliebe und Vorurtheils- lösigteit waren die Führer, die sie in dem Gebiete der Wissenschaft helmisch ma- chen sollten. Jedoch auch sie lliellle das Loos alles Trefflichen und Guten. Von
mt- N i c h o 1 1 s. Sa b a t Le r.
dem einen bis zu den Wolten erlioben, fand sie an dem andern den lieftiosten
■^V'Jdersacher, der in ilir Neuerungssuclit und Ruhmredigkeit suclile und rüole. Die
Opposition gegen den bescheidenen Neuling würde in derThat auch noch gröfser gewe- sen seyn, hätten nicht zu gleicher Zeit zwey hochverdiente Anatomen eine der Wolff'- schen im Ganzen sei«* älinliehe Theorie aufgestellt, die Jedoch in Hinsicht auf gründliche Untersuchung und treue Beobachtung himmelweit von derjenigen des geistreichen Petersburger Akademikers steht. Der aufmerksame Leser wird schon errathea haben, dafs ich hier Franc. Nicholls und Sabatier's Ansichten über den Kreislauf des Blutes im Fötus im Sinn habe und die vorhin gegebene Notiz macht es wohl überflüssig, es hier noch einmal zu berüliren, dafs durchaus für Wolff die Priorität oder mindestens Gleichzeitigkeit der genialen Lehre gesichert werden mufs, wenn anders zwischen den Arbeiten dieses Gelehrten von einem Früher oder Später die Rede seyn darf Wem von beiden man übrigens den Vorrang geben soll, Ni- cholls oder Sabatier, bleibt immer noch unentschieden, obgleich die Zeit der Publicitäl, offenbar mächtig die^ Wagschaale auf die Seite des scharfsinnigen Nicholls lenkt. Dieses alles bei Seiten gesetzt, verweise ich diejenigen die lieber Sabatier's eigne Worte lesen, als sich mit der hier folgenden kurzen Darstellung begnügen wol- len, auf die Histoire de l'AcacUmie royale des Sciences. Anne'e 1774. (Paris 1778. 4-) Hist- P- 7- • — 9 uJ^d Me'm. p. 198— 208, wo er sein Glaubensbekenntnifs ,ySur les Organes de la Circulation du sang du Farius'-' zuerst niedergelegt hat. Aufserdem findet man auch die Sache vollkommen in seinem 1791. erschienenen Traili d'Analomicy und zwar im zweiten Theile p. 586. ff ins Licht gestellt. -^ Sehr interessant ist es gleichzeitig auch Nicholls oben angeführte Schrift von p. yS — 84 (siehe auch die daselbst befindliche Tab. Xlma) nachzulesen und zu vergleichen.
§. XVI IL
Jetzt nun wende ich mich zu Sabatier's Lehre selbst, welche sich ganz und » gar nur auf die deutlichere und richtigere Erkenntnifs der anatomischen Bildung
S a b a l i c r. - 93
und 3er Function der viclbcsuiüoncn Valvula Euslachü slfiizu Naclidcm diese ■wichtigen Punkte crkannl w(Mden waren, fiel es Sabatier niclil schwer darauf seine Theorie vom Rlutuinlaufe zu bauen. Er ruft zuvörderst die Ansichten WiNSLOw's ins Gedächmifs, -nolcher aus der Grüfsc der Eustachischen Klappe im Embryo und ihrem Klcinerwerden in späteren Lebensperioden schlofs, dafs sie cigeniUch nur dem Fötus angehöre. Um eine voUkonmien ricluige Ansicht dieser Klappen zu bekom- men, uniersuchte sie Sabatier nicht nur im Wasser fluctuircnd, sondern er fand, dafs es das Beste sey, den rechten Vorhof bis zu seiner "Verbindung mit der Vena Cava inferior in der Quecre zu durclischneiden oder auch, und zvrar nocli vor- züglicher, denjenigen Thcil der beiden Hohladern, welcher in dem Pericardio ein- geschlossen ist , soweit rechts als es nur möglich ist, jedoch der Länge nach zu ölfnen, ohne irgend einen andern der benachbarten Theile zu verletzen. Dieser Methode folgend, hat unser Autor beobachtet, dafs die Valvula vollkommen vertikal steht und dafs ihr angewachsener Rand (bord fixe) convex ist und nach- unten sieht, während der freie, concav und nach oben gerichtet ist. Sie hat ganz die Form der Mondessichclj und zwar ist das etwas rechts gelegene ihrer beyden Enden rückwärts an den mittlem obern Theil des vorderen Schenkels vom eyrunden Loche befestigt und befindet sich folglich zwischen diesem Loche und der OefTnung der Kranzvenen ( Vense coronariae) mitten innen, das andere und zwar das mehr nach links gerichtete Ende dahingegen, liegt nach vorne zu und etwas töher an dem vorderen Theile der Vena cava. Die Breite der Valvula ist sehr ungleich und es ist dieselbe nach hinten zu beträchtlicher als nach vorne, was ein für die Verrichtung dieser Membran sehr wichtiger Umstand ist. Aus diesen Betrachtun- gen wird es demnach klar, dafs diese Klappe nicht deshalb da sey, um das aus der unteren Hohlader kommende Blut theil weise zu verhindern in den rechten Vor- hof zu gelangen, sondern vielmehr um dasselbe sammt und sonders in das linke Atrium hinüber zu leiten. Diese Thatsache wird noch mehr durch die Lage deä eyrunden Loches und seiner Klappe best~Tiitigt, ,^car cette Ouvertüre est moins au
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24 - S a b a t i e r.
„milieuqu'au Las de Ja reunion des deux Veines caves et par consequent phis „pres de l'inj'irieure, qiie de la supirieure.^^ Uebrigens "werden die oberen Drey- viertheile dieser Oeffnung von einem dicken wulstigen Rande gebildet, A^'elclier nach oben hin oval geformt ist, nach vorn und hinten aber in zwey dicke, nach unten zu allmahHg dünner werdende Schenkel verläuft, die jedoch nicht in ei- nander übergehen. Der Zwischenraum zwischen beiden Schenkeln ist oben zur Bildung des foraminis ovalis offen, unten aber wird er durch die Continuität der die Vena cava ascendens bildenden Häute, welche, nach rechts und links zu- rückgedrängt, die Valvula foraminis ovalis darstellen, vollkommen geschlossen. „O/z „dirait, que ce Irou est l'ejffet d'une cause micanique, qui aurait enfoncS de „bas en haut, de droile ä gauche et de devant en arriere la parlie posliri- „eure et droile de la Veine cave inferieure, ä L'endroit oü cette Veine va s'a- „boucher avec la supirieure, et qui jy aurait Jormi une Ouvertüre d peu pres „ovale, en ditachant un lambeau de ses parois , lequel tiendrait encore au f,bord irifirieur et aux cot^s de cette meme ouverture.'^
§. XIX.
Diese Untersuchungen beweisen deutlich, dafs kein Blut der Vena cava des- cendens in das linke Atrium kommen kann, denn sowohl die Richtung der Vena als der wulstige Rand des eyrunden Loches, und die Valvula foraminis ovalis ■widersetzten sich einem solchen gesetzwidrigen Blutumlaufe.
Was den Ductus ateriosus anbelangt, so sieht ihn Sabatier nicht als Zweig der Lungenarterie, sondern als selbst fortgeseszte und in die Aorta eingepflanzte Arteria pulmonalis an. Ueber den Nutzen desselben ist er durchaus nicht im Kla^ ren, denn auf einer und derselben Seite (p. 206) sagt er einmal, alles Blut aus dem rechten Ventrikel ging durch ihn in die Aorta descendens und gleich da- rauf zweytens, das durch die Kraft zweyer Ventrikel, nehmlich des rechten und des linken, in die Aorta getriebene Blut, circulire hier viel schneller als in der
Aorta
S a l) a i i e r. -^ '•20
Aorta asconScns (eine schon von Harvey geäufsorte Mcvnung). SvnATinn i^immt also auch eine Vermischung des T5lutes in der Aorla dcscondcns, wie alle anderen an, d. h. er glaubt, dafs das lilul aus hei den Kammern In die absteigende Aortl gehe.
Die Arleriac umbihcales entspringen, nach ihm, nicht "wie man gewöhnlich annimmt, aus den Arlcriis lliacis internis, sondern unmlLtclbar aus der Aorta des- cendens selbst. Rücksichillcli der Vena und)ilicalis und des Duclils venosus aber schweigt SaBAtier in diesem Memoire ganz und verweifst, als auf das Beste hier- über, auf BertIin's Abhandlung in den Schriften der Pariser Academic von 1755,
Nach dieser kurzen und wie es mir scheint, treuen Darstellung der Sabatif.r'- schcn Theone, mögen schlicfslich noch folgende wenige Worte über die Art und Weise, "\\ie der Bluiumlauf in der Form einer 8 geschieht, als Supplement dienen.
§. XX.
Das aus der Placenla durch die Venae umbilicales zurücktretende Blut ge- langt nehmlicli durch die Leber und den Ductus venosus in die Vena cava infe- rior, mischt sich hier mit dem zurückkehrenden Blute aus den unteren Extremi- täten, dem Becken u. s ^v. und strömt dann durch das eyrunde Loch gradezu in den linken Vorhof, die linke Kammer, und durch die Aorla gr öfs tentheils in die obere Körperhälfte, hier macht es seinen Umlauf, kehrt durch die Vena cava descendens zurüch , geht aus dieser in den rechten Vorliof, die rechte Herz- kammer und aus dieser gröfstenlheils, vermittelst des Ductus arteriosus, in die Aorta descendens, wo es sich jedoch zum Theile auch mit dem Blute mischen soll, wel- ches aus dem linken Ventrikel kommt, um die schon vorhin erwähnte Krafterhö- hung zu erlangen. Dafs übrigens auch eine unbedeutende Circulation durch die Lungengefafse von Sabatier gestattet wird, versteht sich ganz von selbst.
§. XXL
Dieses sind die drey Theorien über den Blutumlauf, welche in dea siebcnziger
D
26 O k e n. M e c k e 1.
Jahren des vorigen Jahrhunderls in die Eeihe der physiologischen Lehrsälze traten. Neu und überraschend waren ihre Resuhate und nicht minder wichlisr und anzic- hend die Menge scharfsinniger und gediegener Folgerungen die hieraus eine natür- liche ungezwungene Schlufsfolge zu Tage förderte. Jedoch ein ©igenthüniliches Schicksal traf die herrlichen Ansichten ," denn Niemand wagte es ihnen völlig bei- zutreten oder sie zu verwerfen, weil keiner die Mittel in Händen, und keiner den Mulh haue, öffenlhch als Gegner aufzutreten, ja bis zu diesem Augenblicke hat noch kein Gelehrter vor einem gröfseren Publico den anatomischen Theil der Un- tersuchungen hinlänglich gcAVÜrdigt.
Wolff's Untersuchungen sind bis auf den heuligen Tag noch von den meisten Physiologen und Anatomen wenig oder gar nicht gekannt und, so viel es mir we- nigstens bcwufst ist, hat sich aufser Oken, Meckel und Louron Niemand entschieden auf seine Seile geneigt. Oke.\ war übrigens der erste der wieder aufWoLEP's treff- liche Zergliederungen aufmerksam gemacht hat, und das Piesultat derselben in sei- nen Forschungen über den Athmungsproccfs des Fötus (Siebold's Lucina, III. Bd. _ 3 Heft. p. 3o9 ff.) auf da§ voJlkommensle bestätigte.
Gröfstenlheils unbenutzt und ohne Anwendung auf die Lehre in der Circulalion lagen die Arbeiten dieses Meisters seiner Kunst in den Acten der Petersburger Aca- demie vergraben, während die verhältnifsmäfsig seichten , in so vielen Punkten un- richtigen, jedoch mit schimmernden Aeufsern verzierten Untersuchungen des Parisei' Anatomen , wenn auch nicht gleich , doch nach und nach einen Umfang und eine Wichtigkeil in der Theorie erhielten, die durchaus nlclu mit dem inneren Gehalte der neuen Lehre in Veihältnifs standen. Sabatier starb zwar darüber hin und durfte es nichterieben, wie sein Kind gepflogen und verzogen wurde, denn obgleich seine Meinungen über den Kreislauf im Fötus allgemein verbreitet waren und Von den Lehrstühlen herab verkündet wurden, so huldigte man ihnen dennoch nicht, denn keiner der öffentlichen Lehrer erklärte sieh günstig für dieselbe und der gelst. reichste aller Physiologen Frankreichs, BAnTfiEZ, so wie auch DilviAS, griffen sie in
B a u d 0 1 o c (j u e. B i c li a t. Ö7
ihren Hörsälen und in iliren vlclgclesonen Scliiifrcn eifrig an. Diese Lehre ■wiiidn a»r]i gcAvifs das Loos alles Irdischen gelhcilt haben und würde sieher saiiirnl al- lem Trefllldicn, •welehes sie enthält, und sanunl den \ielen ihr anklebenden Män- geln von dem Strome der Zeilen dahingcrissen worden seyn , halle si<h nirhi ein Mann von so hohem Talenlc und grofscin Geiste wie öacdelocqüe, Jur sie er- klärt, eine Ersch(?inung die um so auffallender seyn mul'sle, da eine so cnlseh(ü- dende Stimme wie diese, naehdem sie lange Zeit für die Sache des Galen und IIal- LER laut und öfTentlieh sprach, — auf einmal die w^1rme Veriheidigerin des Saba- TJER wurde. Man unterlasse in dieser Rücksicht es nicht, die erste Ausgabe von Baüdelocque UArt des Jccoitcheinens, (Anno 1781.) §. 509 und vergleichungs- weise die sechste 1832 erschienene Edition desselben >Verkes p. 2G4 ff. §. 54g -^ 554. nachzulesen und man wird mir beipflichten.
§. XXIf.
Diese Sinnesänderung des grofscn Geburlshelfers war für Sabatier's Theorie entscheidend, denn hinlänglich war es einen solchen Verlheidiger gefunden zu ha- ben, wie Baüdelocque. — Es fehlte von nun an nicht an Nachahmern, oder, um einen der selbstständigslen und denkendsten Geister Frankreichs nlclit zu nah zu treten, will ich lieber sagen, es fehlte nicht an Nachfolgern, denn Xavier BiCHAT, der gefeierte Zögling und Lehrer der Pariser Schule , erkannte die neuen Wege auf ivelchen das Blut ineinandergeschlungen wie eine 8, in dem kleinen Körper des ungeborenen Kinds herumgeführt wurde, für die einzig richtigen und naturgemäfsen und sanctionirle sie durch Beifügung seines Namens. Doch rastlos vorAVärts strebend wie Biciiat war, begnügte es sich nicht mit der blos neuen Gestalt der Pfade, sondern verflocht dieselbe scharfsinnig in den weiten Plan sei- nes physiologischen Gebäudes. Herrlich, geistreich und treffend sind seine Folge- rungen für ein deutlicheres Auffassen und Verstehen der verschiedenen und zwar ungleichen Entwickckmgsvollkommenheiten der unteren und oberen Körperhälfte,
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28 ^ B ä u d e 1 o c q u e. B i c h a t.
denn hier sey es auch gesagt, dafs Bichat sich von Sabatier darin unterscheidet, dafs er sich mit gröfserer Bestimmtlieit darüber erklärt, dafs das Blut aus dem rech- ten Vei^trikel unvermischt und unverändert in die unlere Abtheilung des Körpers komme. Uebcrhaupt hat auch diese Lehre, wie §o mancher andre Zweig der Wissenschaft unter Bichat's Händen an Bestimmtheit, Klarheit und strenger physio- logischer Beziehung gewonnen. (Man lese hierüber Bischat's aUo-emeine AnaLomiCf übers- von Pfaff. t. Th. IL Ablheil. von p. io3 — ii5.) Es ist daher nicht un- gereimt Baüdelocque und Bichat als die Wiedcrhersteller und Begründer der Sa- BATiER'schen Blutumlaufslheorle anzusehen, denn ihre Ansicliten und Meynungen über diesen Gegenstand Avaren die Richtschnur welcher die meisten Männer vom Fach in Frankreich, vorzüglich aber die Lehranstalten und Gelehrten in Paris mit Ausnahme des oberflächlichen Magendie's folgten. Vom Caibeder herab ergofs sich der Professor mit Wortreichthum über die fafslich dargestellte, der Wahrheit allerdings ziemlich nahe liegenden Lehre und baute darauf die in dortigen Schulen so beliebten, ach! und oft so trügerischen „conse'quences" während der Schüler als treuer Anhänger des Lehrers das 'Auditorium verliefs. Um jedoch die Krone dem Weike aufzusetzen, trat auch Richeränd, der beliebte Physiolog-, auf die Seite seiner grofsen Vorgänger und wufste seinem Gegenstande in den Noiweaux EU- mens de Phjsiologie, T. IL §. CCVII. — CCIX, ein, wenn auch nicht neues, doch ansprechenderes Gewand umzuhängen.
§. XXIIL
Dafs ein Lehrsatz , gestützt und gleichsam unumstöfslich gemacht, durch drei so gvofse Autoritäten (denn auch RicbeRand gilt dafür in seinem Vatcrlande) noth- wendig in die Hörsaale und Compendien freien Eingang finden mufste, war ganz vorauszusehen , und iij der That war auch die Vorliebe für die „C'irculation en forme de huit de chlffre'''' so grofs und so unauslöschbar, dafs des trefflichen, un- ermüdeien LoBSTEU^'s Schrift: „Observalions etc. sur la circuhillon du sang
L o b s t c i n. L o u r o n. 29
dnns Vcnfant qui n'a pas encore resplri elc" P:iris 180^. 8. (p. 3^) ganz spur- los uud ohne Eindruck vonibcrgiiig. Lobstein lial diese kleine Schrift, die ne- benbei auch, jedoch sehr unvoUsüindig, Mery's und Woi.it's Ansichten er-wähntj- fast aussehliefscnd der Bekämpfung von Sabatieii's Ansichun gewidmet, allein trotz aller liolien Achtung für Lobstein mufs ich doch offen gestehen, dafs seine contra von p. 14 — 26 keincsAvegs von der Art sind, um in einer so ■\vlchiigon Angelegen- heit als eulsclieidend angesehen werden zu können , denn man glaubt deutlich den Mangel an genauen eigenen Uniersuchungcn vom Fötusherzen zu erkennen. — Genug, diese kleine Abhandlung änderte in den Ansichten der Pariser Scliulc nichts, Avar aber Air Strasburg dagegen von Einflufs , denn bis jetzt, so viel ich welfs , ist noch nicht Sabatier-'s Lehre dort angenommen. — Lobstein Mar übri- gens der Einzige, der mit Ernst auf die Mängel der angenommenen Theorie des Elulumlaufcs ölfcnllich aufmerksam machte, denn die höchst traurige Widerlo"ung eines Doctors L. Grosjean in seiner Dissertation: „Sur la circulation du sario- dans le Foelus,'^ Strasbourg, i8io, 4» (p- '9-) verdient nur ihrer unbegreiflichen Paradoxien wegen einer Erwähnung.
§. XXIV.
Das Ausland nahm diese ganze Verhandlung mit ungewohnter Gleichgültig- keit auf, denn man war vollkommen mit Galen, Harvey und Haller überein- stimmend und hielt die Sache für abgeschlossen. Die einzigen, die sich damals in ihren Schriften für die französische Schule erklärten, waren Leber in seinen Praeleclionib- Anatom- p. 25o und Plaat in seiner Dissert. p. 7- Letztere habe ich niclit gelesen, baue hierin aber auf die sehr genaue und bis auf p. 7^ — 82 recht scharfsinnige Schrift des holländischen Arztes Joh. Ger. van der NVillige LoüRON. De partibus, quoß in focliis corpore, sanguinis circulalioni inser- viuiit etc. etc. Lugd. Bat. 1820, 8. (p. 90.) wo zuerst wieder mit voller Ue- berzeugung auf die vergessenen Untersuchungen von Wolff aufmerksam gemacht
30 , Verschiede u e Theorien
■wird. Nächst den otengenannten Autoren verdienen noch einige hier envähnt zu ■werden; jedoch man erlauhe mir, ehe ich auf sie zurückkomme, ganz in der Kürze eine Uebersicht, zu hefern , 'wie in diesem Augenbhcke die Lehre von dem Blutumlaufe im Fötus in dem deutschen Vaterlande gedeiht und emporkeimt.
Bei einer vergleichenden Uebersicht der Lehrbücher über Physiologie ergiebt sich nur zu deutlich das Unsichere und Schwankende der Mejnungen über den in Frage stehenden Gegenstand, denn vollkommen bestimmt und genau abgcgränzi kann man die Physiologen und Anatomen in Hinsicht auf die Blutumlaufslehre in drey Klassen einthcilen, von v^^elchem die erste Klasse diejenigen umfafst," ■welche glauben , das Blut komme in dem rechten Atrio aus beiden Hohladern zu- "Sammen , mische sich hier und gehe so gemischt durdi das eyrunde Loch in die linke Herzhälfte über. — Eine zweyte Parthei erklart sich für diejenige An- sicht günstig, nach vrelcher das aus der unteren Hohlader kommende Blut gröfs- tentheils von der EusTAcn'schen Klappe zu dem linken Vorhofe geführt werde und endlich finden wir drittens noch Vertheidiger der S.vBATiER'schcn Theorie, unter welchen sich nur ein einziger zu den WoLFP'schen Untersuchungen vollkom- men hinneigt. — Zu den Anhängern der ersten Klasse gehören vorzüglich wie schon erwähnt Lobstetn (1. c. p. 26. 37), nächst ihm Prochaska (Lehrsätze aus d.Phys. Th. IL p. 260. §. 941.) Banz (1. c. Bd. IL p. 199. §. 254) Lücae. -) Günstig für die zweyte liier bemerkte Lehre erklären sich in ihren Schriften Blümenbach {Instit phys- Sect. XLVIL p. 481. §. 6j8 — 622) Döllin- GER (Grundrifs der Naturlehre p. 519. §. 692) HildebraiXdt (Physiologie ^ie Ausgabe p. 447- §• 768 — 77o) und zum TheiT auch Louron (1. c. p. 76. 77.) nebst den bey weilen meisten Physiologen Deutschlands, welche hierin ih-
*) (Grundrifs der Entwichelungsgescliichte. p, ii, §, 52. 65.) und melirei-e andere, unter denen icTi nocK als Muster von Gleichgültigkeit und Unbestimmtheit blos beifpiels weile Magendjb (Pre'cis ele'mentaire de Physiologie Ed. 1825. pt 5<19-) anfühlen will.
V o m B 1 u t u m 1 a u f e i m F ü l u s. 3 1
rem grofscn Voi bilde IIai.i.kr (I. c. T, VIJI. p. 58o. §. XLVI.) In allen Siückcn folgen. Die wenigen Anhänger der SAßATiER'sclien Theorie sind aufscr den schon genannten LilBKK und Plaat noch ganz vorzüglich Waltiier (Physiolotn'e II. Th. p. a'). §. 587. und p. 420. §. G46.) und Burdacu (in seiner Phjsioluoic p. S2G und 827.) Wolff's und Oken's Beobachtungen erkennt Klrt Sprengel in den Inslit. phjsiol. Par. II. Lib. III. Cap. III. §. 54o. p. SgS.) als die richtigen und als die einzig annehmbaren an.
§. XXV.
Es hält nun allerdings sehr schwer bei dieser grofsen Verschiedenheil der Meynungcn in den Büchern ein Ecfuliat zu fallen und diese oder jene Theorie als die durchgehcnds das Ucbergewichl beliauplende anzunehmen , jedoch wenn man mit dem vergleichenden Durchsehen der Schriften noch die mündliche Un- terhaltung mit manchen trefflichen Anatomen und Physiologen vereinigt und auf die Stimme eines gröfseren Thelles junger, eben erst aus den verschiedenen Schulen hervorgegangener Acrzte achtet, so ist die Aufgabe nicht so schwierig, als sie an- fanglich wohl scheinen mag und man erkennt gar bald , dafs die Lehren von Haller über den Blutumlauf des ungeborenen Kindes noch immer die herrschen- deren sind. — Daher mögen denn auch, gleichsam als Repräsentant der jetzt noch immer obenanstehenden Theorie über diesen viel beleuchteten Gegenstand , Haller's eigne Worte (Grundrijs der PJiysiolocrie von Sömmerring und Meckel übers, p. 681. §. 922. und 24) stehen und den literarischen Prodromus meiner Arbelt beschllefsen :
§. xxvr.
„Der frühste Embryo hat keine rechte Herzkammer und das rechte Herzohr steht so weit in das linke ofl'en, dafs alles Blut welches durch die Hohlvene an- kommt, sogleich in die Aorta übergeht, ausgenommen ein sehr kleiner Thell,
32 Verscliiedene Tlieorien, vom Blutumlaufe im Fötus.
der sicii in die lilcinen und weniger siclitbaren Lungen begiebt. Sodann Ist z-wav in dem nun reiferen Kinde die Lunge gröfser und der Weg vom rechten Ohr in das Linke enger, da der Kanal des Herzohrs nun ganr ins Herz zurück genom- men ist und die Herzohren selbst viel kürzer sind ; aber doch wird die Wand die, das rechte Hci'zohr mit dem Hnken verbindet, durgh ein breites ovales Loch durchbohrt, durch v^^elches das Blut, welches aus dem Unterleib ankommt und ^ etwas von dem klappigen Rande des rechten Herzohrs zurückgetrieben wird , durch einen grofsen Strom in den linken Behälter übergeht. — Doch wird all- mählig die RIembran beider Behälter rückwärts erhoben und an dem Behälter der Lungenvenen, über dem ovalen Loch zu beiden Seite durch eine hohe Fiber, dann ferner durch viele der Reihe nach unlere, palniförmige Fibern angeknüpft und verschliefst einen sehr kleinen , dann einen gröfseren Theil dieses Loches , ^ so dafs ein bioser, der Queere nach ovaler schiefer Zugang frei bleibt, wel- cher zwischen dem runden Rande , der auf dem ovalen Loch liegt uiid der zu- nehmenden Klappe frei bleibt und im ungeborenen Kinde dem i5te Theile olin- gefähr der Mündung der Hohlvene gleich ist."
„Allein auch von demjenigen Blute, welches überhaupt in die rechte Herz- kammer gefallen ist, kommt ein sehr kleiner Theil in die Lunge. Denn die Lun- genarterie ist im ungebohrnen Kinde gröfser als die Aorta und geht gradesweges in den arteriösen Gang ununterbrochen fort, der eine gröfsere Mündung als beide Lungenäste zusammengenommen hat und viel gröfser als der Umfang des ovalen Loches ist. Dieser Gang begiebt sich in denjenigen Theil der Aorta, weL eher zuerst die Wirbel berührt unter ihrem Schlüsselbeinast, und überliefert folg- lich mehr als die Hälfte des Blutes der Lungenartclie , der untern Aorta, welches sonst die linke Herzkammer und der aufsteigende Ast der Aorta bekommen hät- ten." — ,
§. XXVIL
Einleitung. 33
§. XXVII.
Ucbcrbliclt man diese kurze gescliichllulic Zusammenstellung dcrMeynungon der -wicluigslen AuLorrn über uiisren Gegenstand, so Kann einem unmöglich das Unhaltbare und Wogende in den Ansichten so vieler ausgczeiclmcicr Männer eni'^ehcn und man erstaunt, wie -wenig sicher die ganze Lclue noch bis jetzt ge- stellt ist, obgleich die mächtige Hand der Zeit so vieles an iiir gebessert und so manche Unebenheit ausgeglallcl hat. Alhia da die ganzen Verhandlungen durch die lange Reihe von Jahren , ja von Jahrhunderten , während welcher sie gepflogen wurden , sich das dem Aller gebührende ehrwürdige Ansehen erworben haben, da der Gegenstund ein so viel Besprochener und Bearbeiteter war, so ge- wöhnte man sich allmählig daran, ihn als ergründet anzusehen, zumal da das jiiit craeulcm Schimmer aufdämmernde Licht der vergleichenden Anatomie und das Verknüpfen der Physiologie mit den wichlichslen Zweigen der allgemeinen Nalur- lehre überhaupt, ein vielumfassendcs — blüihenvcrsprechendcs Feld eröfinct hat. Ähui betiat mit Freuden den neuen Pfad, rang nach dem höchsten Ziele und gar vielen gelang es den Lorbeerzweig zu brechen und diese höchste Zierde sich ums Haupt gewunden zu sehen. Allein bei diesem regen, herrliehen Streben nach einer immer gröfserer Zahl neuer Entdeckungen , trat so manche iillerc Lehre in den Schatten zurück und lief unler dem Schutte schlummert noch so viele Wahrheit ! — Unter diese vergessenen oder übersehenen älte- ren Lehren rechne ich unstreitig auch diejenige, die der SlolT gegenwärtiger Schrift sejn soll, denn man mag sie betrachten von welcher Seite man will, nir-- gends stöfst man auf Gewilsheit, nirgends auf diejenige überzeugende Klarheit, die allein im Gefolge des Wahren ist,- und dieser Umstand allein rechtfertigt schon das Erscheinen meiner Schrift. Geht man aber der Sache näher auf den Grund und sucht die Ursache dieses chamäleon tischen Acufseren der ganzen Theorie, so findet man gar bald den Stein des Anstofses. — Man sieht dafs unter allen
Schriflsiellera von den frühsten Zeilen, an bis zu diesem Augenblicke, durch-
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34 . Einleitung.
aus in der analomischen Beschreibung derjenigen T heile, die dem Circulationssysteme des Fötus eigen sind, die alle rgr öfst'e Mey- nungs verschieden hei tobwaltet und dafs nicht zwey Anatomen (diejenigen ausgenommen, die von einander abschrieben) zu finden sind welche gleichstimmen- de Resultate in ihren Untersuchungen erhalten hätten. — Diese Thatsache ist hinreichend um den doppelten Beweis auf das bündigste zu führen, erstlich dafs die leicht scheinende Sache es keinesweges ist und dafs ihre Aden noch nicht geschlossen sind und zweytens dafs die auf den analomischen Bau gestützten physiologischen Folgerungen unmöglich richtig scyn können. — Uebrigens versteht es sich ganz von selbst dafs in vorliegenden Seiten nicht- die Rede von grofsen Entdeckungen und von neuen , alle andern umstürzenden Theorien sejn kann , sondern nur von einer Sichtung der so zahlreichen und zum Theil sehr schätzenswerthen, bereits gesammelten Malerialen , von eineni aufmerksamen und vorurdieilsfreien Zuratheziehen der Natur , von einem Ver- gleichen des von mir Gefundenen und anders Gesehenen mit dem Vorhandenen und einer hieraus ungezwungen entwickelten Ansicht vom Blutlaufe selbst. — Man ersieht also aus dem Gesagten , und ich wiederhohle es noch angelegcndichst, dafs ich bei jneiner Arbeit keine überspannten Erwartungen hege und nur einzig und mit aller meiner Kraft nach dem Ziele der Wahrheit strebe — finde ich auf meinem Pfade ein freundliches Anerkennen meiner Mülie, so bin ich reich- lich belohnt: nach anderem strebe ich nicht!
§. xxviir.
Da ich nun auch glaube, dafs ein grofser Theil der irrigen Meynungen über die einzelnen Thelle der dem Blutumlaufe im Fötus dienenden Organe, ihren Grund gleichfalls in einer ünkennlnifs der stufenweisen Bildung und Entwicke- lung derselben hat, so hat der Leser eine, so viel als ich konnte, genaue Ent- wicklungsgeschichte des Herzens von mir zu fordern. — Dafs ich bei
Einleitung. 3
K
derselben stcis meinen Gegenstand im Auge behielt, und diejenigen Parlhieen, die mir besonders zweckdienlich schienen, vor/.i'iglich ausarbeitete, während ich die andern mehr in Contouren zeidmete, wird mir d(-r Gerechte nicht verargen , da ich sonst zu Avcit hiilie abweichen müssen. — Nächst dieser Entwiclilun"s- geschichte, werde ich auf die einzelnen dem I'öius eignen Gebilde für die Clr- culalion zurücli.koji>men , sie auf der Stufe ihrer höchsten Ausbildung betrach- ten und versuchen ihnen ihren wahren Platz einzuräumen. Hierauf gedenke ich die sich aus meinen Unleisuchungcn ergebende Blulumlaufsdieorie mitzu- tjheilen und auf einige physiologischen Folgerungen hinzudeuten.
Dieses ist der Plan meiner Schrift! Dem Urlheile wie ich meine Aufgabe ge- löst habe, sehe ich entgegen und wünsche dafs ick einst mit dem Dichter sagen könnte :
Vero-ehens hab' ich nicht ß-eruno^en
^ ^ SD C5 O
Und unerreicht blieb nicht mein Zielt
E 2
ZWEYTER ABSCHNITT.
ENTWICKELUNGSGESCHICHTE
DES MENSCHLICHEN HERZENS,
von seinem ersten Sichtbarwerden an bis zum 3 — 4^ Monate
der Schwangerschaft.
Latent plerunique Teluti in alta nocte prima natiirae stamina et subtilitate sua noix minus ingenii, (juajn oculorum aciem eludunt.
HARvcr.
ENTWICKELUNGSGESCHICIITE DES MENSCHLICHEN HERZENS.
§. XXIX.
Jljs ist, wie bereits gesagt ist, durchaus Erfordernifs, meinen eigenen anatomischen Unlcrsuchunn;en über die Clrculationswese des Fötus eine kurze Geschichte der Bildung derselben in den allerfrühsicn Lebensperioden vorauszuschicken. Ich erreiche hierdurch einen doppelten für mich sehr "wesentlichen Vorlheil, denn erstens, schütze ich mich gegen den gerechten Vorwurf, den man allen Schrift- stellern, die seither über diesen Gegenstand geschrieben haben, machen kann, nehmlich den, dafs sie nur von einer Circulalionsweise , als der alleini- gen in dem ganzen Embryo- und Fötusalter statt habenden gesprochen haben, während die stufenweise Bildung und Entwickelung der einzelnen Theile des Herzens es offenbar beweisen , dafs der Blutumlauf gar viele Modificationen er- leiden und über manche vorbereitende Sprosse hinwegschreiten mufs, ehe er sich so gestaltet, wie er im 4ten und den späteren Schwangerschaftsmonaten beobachtet werden kann — und zweytens, liefert eine kurze Darstellung der wachsenden Ausbildung dieses v\'ichiigsten der Organe, den treusten Aufschlufs über so manche weniger erkannte und in der That auch schwieriger zu verste- hende Bildung in den Kreislaufswegen des Fötus. — Die Lehren vom Ductus arteriosus Botalli, vom ejrunden Loch, vom venösen Gang u. s. w. werden es darthun, wie unentbehrlich die Kenntnlfs des hier abzuhandelnden Gegen- Standes zum richtigen Verstehen und Deuten der einzelnen Gebilde ist. Und
4o Entwickelungsgeschiehte
in der Tliat, kann es auch ein sichereres und edleres Mittel geben, um sich die klarsten Einsichten über die Function und Bedeutung einzelner Theile und über das harmonische Ineinandergreifen des ganzen Organismus zu verschaffen, als die bildende Natur von dem Augenblicke an zu belauschen , wo sie ihre Schöpfung beginnt und ihr unermüdet zu folgen, bis sie ihr Werk vollendet einer höhe- reu Bestimmung überglebt? — Jedoch leicht ist der Wunsch xinA schv\'er die That! — Wohl ist es wahr, es ist des Geistes kühnstes Wagestück in das Hei- ligüium der Natur zu dringen , und nirgends in dem weiten Reiche menschlicher Forschungen grünt herrlicher die lohnende Palme als hier — allein die Wege dorlhin sind dunkel und vielfach verschlungen und wenig betreten ist der wah- re Pfad. — Deshalb hüte sich jeder statt des Goldes, unreines, mit Schlacken vermengtes Metall zu Tage zu fördern und dieser Warnung, die ich mir selbst in meinen Untersuchungen über diesen Gegenstand zurief, stets eingedenk, will ich den Versuch beginnen.
- ^. §, XXX.
Für die Bildungsgeschiclite des Herzens, in der Beziehung, in welcher ich sie hier meinen Leseren mittheile, haben ganz besonders die Untersuchungen mensch- licher Herzen Bedeutung und defshalb sind sie auch vor allen andern hier be- nutzt worden. Nur in dem Falle wo die sich aufdrängenden Schwierigkeiten zu grofs und das Erkennen mancher Bildung so behindert wurde, dafs ich dem Zeugnisse anderer und mir selbst nicht trauen wollte und konnte, nahm ich die vergleichende Anatomie zu Hülfe, die mir dann zugleich der -beste Probirstein für die Aechiheit und Gültigkeit meiner Meynung war. — Ich glaube übrigens dafs es keine löbliche Tugend der neuern Anatomen ist, die schwersten Aufgaben der menschlichen Anatomie durch die Anatomia comparata unbedingt lösen zu wollen. — Man mufs hier niemals die Gränze überschreiten und nie vergessen , dafs Schlüsse der Analogie noch, oft auf Irrwege leiten und dafs man auf diese
Weise
des mcn s eil licli en Herzens. 4)
Welse gar Iclclu dem inensdillclicn Körper etwas aufhürden kann, -was zu vcr- anuvorten seliwcr scyn wird. — Die neusten Unlcrsuchung von Velpk.vü sind ganz d;u,u geeignet, dies z,u bcslaligcn.
Da CS iibrigens in den folgenden Seilen darauf ankam, die Wege in weldien das Blut den Embryo- und Föiusliöiper durchströmt, von ihrem ersten Sicht- barwerden an zu kennen, so konnlen aus doppeltem Grunde menschliche Eyer hierzu nlchl benulzt werden und zwar defshalb, weil erstens dieselben zu der Zeit, v\o sieh der erste Keim der Frucht entwickelt gar nicht zu haben sind und weil, wenn man auch eines- oder das andere mit Mühe auftreiben könnte, sie dennoch zur Untersuchung nicht taugen würden. Zweytens Ist man höchst selten über das Alter der Frucht einig und man findet in jedenr anatomischen Kabincte in dieser Hinsicht die unverantAVOrtlichsten Widersprüche, — Wie man- dies Unrichtige aus diesem Uebelstande entsprungen ist, werde ich noch Gele- genheit finden mitzulheilcn.
Bis zu einem gewissen Aller müssen daher die Resullale aus b eh rü taten Vogel-Eyern aushelfen, und dafs dieselben fast unverändert auch auf das menschliche Ey angewandt werden können, lafst sich mit dem vollsten Rechte schliefsen. Ich saire defshalb meinen Lesern mit dem unsterblichen Haller:
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fyNuUa omnino causa est, cur aliain putemus esse cordcs in quadrupede, „quam in ave fahricam ( evoiutioneni); ccnstntiunt oiKr.ia, rentriculiy „auriculae, J'oranien oi^alc , arleriosus ductus , excaecalio canalium foelui „peculiarium, postquam animal respiravit- In eo dißerunt-, quod in homine el in f,quadrupede, Iruncus arteriae pulnionalis conlinuus in aorlum prcducalur : in- ffQveex ranio pulmonali dextro, pariler ut ex sinisLi ö, rcinius in Aortain inferio- rerem niiUatur, duoque adeo sint ductus arteriosi-^*' -^i ;!uiiqe i i
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i% Entwickelungsgescilichte
I. BEOBACHTUNGEN ÜBER DIE BILDUNG DES HERZENS IM BEBRÜETETEN EY.
§. XXXI.
Von allen Zelten her wurden demnach auch die Eeobaclilungen bebrüteter- Eyer, für das ergiebigste Mittel zur Erlangung riclitiger Kenntnisse über die Bil- dung der Organe gehalten. Die Neuheit des Gegenstandes liefs viele und unter ihnen sehr talentvolle Beobachter die Arbeit beginnen , doch gestatteten die in der That ungeheuren Schv^ierigkeiien nur dem ausgezeichnetsten Talente und der be- ■wundrungsvfürdigsten Ausdauer eine ergiebige Ausbeute zu finden.
Es ist in dieser Rücksicht hinreichend, die Namen eines Fabriciüs ab Aqüa- PENDENTE, Malpighi , Haller, Spallänzani Und Wulff zu nennen, denen in der neusten Zeit sich mit dem schönsten Erfolge Dölllnger und Paeder noch ange^ schlössen haben. Dafs auf einem Felde, welches von so geschickten Meisterhän- den bearbeitet wurde, auch die Ernte ungemein reich und glänzend ausfallen niufste, liefs sich nicht anders vermuthen. — Es stehen daher auch in der That unsre Kenntnisse von der Bildung des Herzens und des Gefäfssystems, auf einer solchen Höhe, dafs wenig mehr zu wünschen übrig bleibt. Trotz dem jedoch, stofsen wir noch allerdings auf einige Punkte, die noch gar sehr einer Auflud] ung bedürfen, auch vsird die Erfüllung unseres Wunsches noch geraume Zelt hindurch ein pium desiderium bleiben und zwar aus leicht zu ermessenden Grunde. Hier- her gehört namentlich eine in allen ihren Thellen gleich klare Ansicht über die Bildung der rechten Aortenwurzcl oder der später sogenannten A. pulmonalls und noch einiger anderer Theile, welches alles im Verlaufe dieser Skizze von selbst in die Augen springen wird.
des menschlichen Herzens. 43
§, XXXII.
Das Hülinoi'py hosleht -wie allgemein bekannt ist, aus den eins chliefscn- don und den o Inges cJilossencn Tlicilon. Lelztcie, als die für uns bei ivei- loiii -wicliiigsien -werden wieder i) aus dem Eywelfs, 2) der Doilerhaul und 5) dem Eygelbc gobildeu — 1) das £ya'e//i l;ifsl sich leicht als aus zwey Mas- sen bestehend erkennen. Die erste unterscheidet sich von der anderen durch ihre grölserc Fhifsigkcit und Durchsichtigkeit, und umgiebt das in ihr liegende soge- nannte innnere Eywcifs in allen seinen Punkten. Dieses letztere aber ist nicht nur dicker und zäher als das crstere, sondern es behält auch, unter Wasser be-- tracluet^ seine elliptische Form vollkommen bcy, während jenes leicht zcrflicfst und unscheinbar wird.
2) Die Dotterhaut ist eine überall gleichmäfsig beschaffene, helle und durch- sichtige Membran, welche nur da, wo sie über dem Hahnctrilte liegt, klarer und diihner Avird. Ihre früheren etwas abw^eichenden Verhältnisse, als noch im Eyer- s.tocke dem Ey das Albumcn fehlte und die ganze Dotlerkugel unmittelbar an der Eyschaale anlag, gehören nicht hierher.
5) Vom Ej'gelbe ist für uns nur der '-sogenannte Ha h netritt von hohem Interesse. ^V'enn man diesen bedeutungsvollsten Thell des ganzen Eyes genauer un- tersucht, so erkennt man deutlich in ihm zwey Tlieile, welche beide ihre eigenen Entwickelungsstufen durdilaxifend, von ausnehmender Wichtigkeit sind. Das eine dieser Gebilde, welches den äufseren Rand des Hahnetrittes bildet, sehr hell und durchsichtig ist , hat den sehr bezeichnenden Namen einer Keimhaut — Bla- s.toderma — empfangen , dahingegen das andere bey weitem kleinere in ihm ent- haltene, eben so passend Kern — Nucleus — des Hahnetrittes benannt wurde.
Dafs hinwiederum unter allen den so eben näher bezeichneten Theilen das Blastoderma der vielbedeutendste und gewichtigste sey, wird sogleich näher nachgewiesen werden weiden. , . .,
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4^i E n t w i c k e 1 u n g s g e s c li i c li t e
Das einer Wärme von 32° Pi. ausgeseteie Ey , zfigt nicht frülier als in dc^^ a.chten Stunde die ersten Spuren des erwachenden Lebens und zv.ar in der Keim haut, in deren Mitte sich ein helles durchsichtiges, von weifsem Hände umgebenes Pünktchen zeigt. Schon in der zAvölften Stunde hat aber das ßla^- stoderma durch Massenzuwachs von aufsen und durch Ausdehnung von innen nach aufsen zu, eine Gröfse von 5 Linien erreicht, während es anfangUch nur 2 Linien in seinem gi'öfslen Durchmesser hielt. Die aufFallendste und wichtigste Metamorphose besieht aber darin , dafs die ursprünghch einfache Keimhaut sich jetzt schon ganz evident in zwey Blatter gedieill hat, von welchen das innere, dick, körnig und undurchsichtig, das äufsere dagegen dünn, sehr ^latt und durchsichtig befunden wird. Das äufsere belegt Pander mit dem Namen seröses Blatt — membrana serosa — das innere nennt av ScIiiclmllaLt — liiemhrana pituitosa.
§. , XXXIII.
Beide Blätter oder Lamellen durchlaufen von nun an eine Pieihe der wichtig- sten und interessantesten Veränderungen , unter denen die Bilduns des von Wolff sogenannten durchsichtigen Hofes oder des Fruclilhofes von Paeder im Schleimblatte die zuerst ahzuhandelnde ist. Man bemerkt diesen Friichthof zuerst deutlich in der i4ien Stunde und er ist weiter nichts als eine durch das Zurücktreten der Körner der Membrana serosa, licliigewordene Stelle von rund- lichem Umfange, welche sich bakF beträchtlich ausdehnt, dann ungefähr in der Mitte zusammenschnürt und birnförmig oder wie Blümenbach es wll b iscui t- förmig wird. So wie dieses geschehen ist, findet in diesem Baume eine der eln- flufsreichsten Vorgange statt. Es bilden sich näitdich in dem so gestalteten Frucht- hofe zwey ungemein zarte, beynahe parallellaufende Falten, welche, da sie die ersten x\ndeutungen des zukünftigen Körpers sind, sehr gut Primi- livf alten genannt wurden. Zu gleicher Zeit mit diesen Falten, deren Längen-
des mc n seil 1 1 eil cn Herzens. 45
pole nnl dnin Qucrd u rcli in osscr des Eycs gloiclic Richunic; liabcn, zeigt sich zwisdir» ihnen ein djr L ing3 nacli verlaufendes feines Fadclini , das zukünfiige Rüchcnittar/i- Hier liat Pa>df.r sich gewifs geirrl, wenn er angicbl: die Bildung der Priniillvfalien gienge dorjenig cn der Mcdulla spinalls voraus. Im Gegenllicile ist der liiproicliendste Grund vorhanden grade das Enigcgengeselzie zu behaupten, indem eSAVold kaum mehr einem Zweifel unterliegt, dafs der Nerve das die Bildung Bestimmende und Erregende ist. Allein die grofse Zart- l>eil des Fädchens, seine Durchsuhtigkeit und sein ursprimglich wahrscheinlich "halhfliissigcr Zustand lassen sein Dasevn nicht frülier als die Falten erkennen. Da- ri'ihcr ist mir aber kein Zweifel niclir, dafs man sowohl die Pllcae primitivae als wie auch das Piückcnniark auf olciclter Stufe der Entwickelune stehend in der iCien Stunde sieht.
§. XXXIV.
Ungefähr um dieselbe Zeit, oder vielleicht etwas später, kann man auch bei passender Vergiöfserung deutlich in dem serösen Blatte der Keimhaut eine Menge runder kleiner, dunkelgrauer, gruppenweise zusammenstehender Pünktchen oder Inselchen , welche von einem dunkleren Streife umgeben werden, erkennen. — Diese Inselchen nehmen auf dem serösen Blatte einen etwas grös- seren Raum ein, als auf dem Schleimblatt der Fruchthof ausfüllt und bei schär- ferer Untersuchung überzeugt man sieh, dafs auch der Streif, der sie umglebt, aus eben solchen Punkten gebildet wird. — Die Menge dieser Punkte wächst stündlich und ungefähr In der rjote Stunde ist der ganze oben angegebene Raum der Membrana serosa so sehr mit Kfigelchen überdeckt, dafs das Gruppenartige oder InselRirmige ganz vcrlohren gegangen ist. Allniählig aber treten die Kügcl- chen untereinander wieder zusammen , bilden kleine zusammenhängende Reihen , zwischen welchen slck dann auch, natürlich wieder freie Stelle öffnen müssen. — Diese Reihen verbinden sich nun vielfach unter einander , es gestallet sich unge-
46 Entwickelungsgeschiclile
fähr um die 5ote Stunde ein feines Netzwerk, welches den ganz eben so sich bildenden nur dichter zusammengetretenen Streif, der den ganzen kleinen Ar- fchipelagus umgab , gleichfalls in seine Gemeinschaft aufnimmt und so ein geschlossenes Ganzes darstellt. — Anfänglich ist dies Gebilde von gelblicher Farbe ,- nach und nach Aber nehmen die Ketzmaschen eine hellrölhliche Färbung an und das bildende Le- ben in ihnen, vermehrt und vergröfsert ihr Zusammentreten unter einander, es formen sich kleine Ström chen, die wiederum mit anderen zusammenmünden und in der Solen bis Säten Stunde hat man unvermuthet ein vollständiges Ge- fäfsnetz vor sich. — Hierbei jedoch bleibt es nicht stehen. — Die einzelnen Blutströme bekommen Wände und auch diese stehen mit einander durch eine zarte Haut in Verbindung , so dafs man deullicli sieht, wie sich jetzt stufenweise der ganze Blutkreis von seinem mütterlichen Boden trennt und eine eigene, für sicjh vollkommen bestehende und isolirt darzustellende Haut: die Gefäfshaut oder das Gejäfsblatt ausmacht. — Dies geschieht in der 48ten Stun- de. —
Wir haben jetzt hier die beiden Sphären des Lebens sich gestalten sehen , nehnilich in der Schleimhaut die bildende, schaffende — oder animali- sche des BiCHATj in dem serösen Blatt, die ernährende oder vegetative.
Ungemein anziehend ist es zu beobachten, wie scharf die Natur hier die Gränze gezogen hat und wie innig und tausendfach dennoch beide Sphären unter einan- der verschlungen sind und sich gegenseitig erhalten und unterstützen.
§. XXXV.
Da wir erkannt haben, dafs alles Schaffen und Formsetzen in der Schleimhaut des Blastoderma , TSO wir dieMeduIla spinalis haben entstehen und die Primitivfalten sich ausbilden sehen, vor sich geht, so müssen wir auch, da sich die Natur in ihren Gesetzen gleich bleibt, das sich bildende Herz — als
des menschlichen Herzens. 47
dos uns für j( izi vorzügllrl) in Anspruch nclinicndc Or^nn — hier in dieser Mem- bran sudicn, und in der Thal wir werden keine vergel)lichc Mülic anwenden. — Man bemerkt dafs das Kopfende der Primillvf;dlcn sich nach unlcn schlägt
und die Qucerfitllc'') bildet. Hierbei zieht diese 1 -tziere nicht nur die zwischen den Primilivfalten gelegene Haut nach sich, sondern auch den an den Pli- cis primitivis h()hcr hinaufzuliegenden Haulanlheil. Dieser letztere bleibt jedoch nicht an der ihm angewiesenen Gränze stehen, sondern geht bis zum Schwänzen- de herunter, sclilagt sich hier über sich selbst zurück und verlauft über die Kopf- falie des Embryo weit hinaus. —Durch ein eigcntliünilichesNaherriicken der Fallen, welches von Pander mit unübcrlrefllieher Genauigkeit beschrieben worden ist, wird dieser herabgestiegene und über sich selbst zurückgeschlagene Theil der Haut in zwey röhrcnfürmige Schlauche gelheilt, welche bejde nach allen Seiten hin feslgeschlossen sind, nur unten vollkommen offen stehen. — Der erste, et- was tiefer herabsteigende Sack, falschlich von Wulff — fovea cardiaca ge-- nannt, jedoch mit der unnachahmlichsten Genauigkeit beschrieben und gut abge- bildet [Novi Comment. Acad- scient. Petropol. Tom XII, p. 449. §. 5o.) ist der unten ofTcnsiehende Oesophagus. — Der zweyte Sack aber, oder der obere, hat, so wie der vorige sein offenes Ende gegen den Schwanz des zukünftigen Hühnchens gerichtet, allein seine Seitentheile verlaufen imd verlieren sich nicht in den durchsichtigen Hof, sondern werden hier wieder fallcnförmig zu- rückgeschlagen und entschwinden dem Auge nach oben zu gänzlich. ^— Dieser unter der Kopffalle liegende Sack ist das erste Rudiment des Herzens.
*) Es ist schwer diese Queerfalte n"chtig lU verstellen, daliev erlaube man mir noch erläiiternd hinzuzufügen: die Queerfalte besteht aus 3 Theilen und zwar 1) au? zwey schwach oder h o r 11 f ö r ni i g hervorstehenden Primitivfalten 2) aus dem die beyden Homer der Falten verbindenden Bogen, welcher die Gränze der Primitivfalte bildet und dnnn zum Schwänzende herabsteigt und 5I aus der Haut des Spatii carinati Malpighi oder desjenigen Raumes , welcher zwischen den beyden Primitivfalten ursprünglich beobachtet wird, — Die Bildung der Queerfalte geschieht in der zwaneigsten Stunde,
48 E n t w 1 c k e 1 VI n g s g e s c ii i c ia t e
Deutlich ernennt man es erst In der Solen Siunde, Spuren davon zeigt schon ein etT^'as früherer Zeilpunkt. — -
Das erste Erscheinen des Herzens geschieht also in Foiai eines Schlauches der unten offen steht und weder Gefäfse empfän(xt noch ahoieht. Es ist das zukünftige Circulalionsorgan ein ganz isolirles Gebilde und steht nicht in der entferntesten Verbindung mit den in der serösen Lamelle sich bildenden Blutinselchen. — Diese Thatsache , hat schon, obgleich Aveniger ausführlich, aber doch, sehr bestimmt, der treffliche ÄIalpighi in Ej- Dissert. epi- stol. de formatione puUi. (Vide Ej- Opera. Lond'un iG86, fol.) p.5 und G. fest- gestellt — Die Folge ■wird es übrigens noch deutlicher Jehrcn , dafs die Gefafs- stämme nicht von dem Herzen aus verbreitet "werden, sondern dafs sie gleichsam in das Herz hinein wachsen. — Für jetzt aber wollen wir den begon- nenen Weg weiter verfolgen und sehen, wie sich das Herz noch ferner geslalicc- und ausbildet. —
§. XXXVT.
Das schlaucharlige Herz verändert gar sehr bald seine Gestalt und formt sich in einen ganz graden nicht dicken Kanal um, der in der Gegend des durch- sichtigen Plofes zwey rundliche seitliche OefTnuugen hat. Diese sehr einfache und niedre Herzform dauert auch nur wenige Stunden, denn schon in der 36ten Stun- de oder wie Haller will in der 58ten und nach Malpighi in der 4oten, schnürt sich das Herz an zwey Stellen ein und zwar so, dafs von nun an drey erwei- terte Stellen, nämlich eine untere, eine obere und eine mittlere vari- cöse Anschwellung erkannt werden können. Zu gleicher Zeit macht das Herz seine erste bestimmte Ortsbewegung, indem es sich nach links biegt und dabey begreiflicherweise sich etwas krümmen mufs. Diese Krümmung wird bald so beträchtlich, dafs das Herz aus den Körpergränzendes Fötushervor- ragt.und, während seine beyden Extremitäten unverrückt an ihrem Orte bleiben,
eine
des m cn seil II eil on Herzens. 49
eine volltoiiimene Hufcisc ngos lal i iuiniinmi., "moIk-j khU die varicöscn Slcllcn •vollkommen ausgläUcn und das Ganze ■wieder ein gleicliföimig weiter Kanal \vird. Noch immer isi das Herz, wie schon bemeiki ■worden isi , ganz ohne Ce- fa fse; allein mit der 5otcn oder Coien Slundc sieht man den Ilerzkanal ganz offen- bar sich in eine a ufs L eigen d e A rle ric verlängern und sich abermals nach und nach an zwey Stellen deuilich und sein- stark conirahiren , so dafs jetzt von neuem an ihm drey blasenfö rmige Erweiterungen zu scJien sind. Die unlere kleinere, runde dieser Höhlen ist der Venensack ^ die ^uricula — die mittlere, grüfsere und länglich sich herabziehende — der Ventrikel — die seitliche, fast ganz runde — die Aortenzwiebel. Diese diey Höhlen aber stehen in vollkomme- ner Verbindung und zAvar durch enge kanalförmige Verbindungsgänge, wel- clxe von den eingeschnürten Stellen selbst gebildet werden und eigene Namen er- halten haben. So ist der Ventrikel und der Vorhof durch den Canalis auricula- ris — der Ventrikel mit der Aortenzwiebel, durch das Fretum und die Aorten- zwiebel mit den zwey bis drey Aortenwurzeln durch das Rostrum in Gemein- schaft. Diese so eben angegebene;^ im Herzen vorgehende Veränderung ist rücksicht- lich der herrlichen Beobachtung und meisterhaft genauen Besehreibung die glän- zendste Darstellung in Haller's Bildungsgeschichle des bebrüielen Eyes , und nur hierin hat er offenbar Malpighi überflügelt und den ihm nachfolgenden Wolff Itinter sich zurückgelassen.
§. XXXVII.
Jetzt nun wollen wir näher die gebildete Herzkammer, den Vorhof und (Jen Canalis auricularis betrachten, dagegen nur leise die Aortenmetamorphose berühren , indem dieselbe später beym menschlichen Embryo sich deutlicher er- klären lassen wird.
Die Herzkammer, Veniriculus cordis, der vom ganzen Herzen- sich i,Merjf darstellende Theil — ist von Wänden gebildet, welche keinesweges blos häutig,
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50 Ent wickeln 11 gsgeschichte
sondern dick und fest sind. Ob schon jetzt Muskelfiebern deutlich an ihr be- meirkbar sind , mögte ich bezweifeln, — wenn gleich MalpiGhi es sehr zuversichtlich behauptet und namentlich sagt: (1. c. p. 5.) cui (nempe cord'i) carneae portiones vefuti manus exterius aplenlur. — Darüber ist aber durchaus kein Zweifel, dafs sich die Herzkammer auffallend vor allen übrigen Herztheilen durch ihre Stärke und Festigkeit unterscheidet. — Was ihre Form anbelangt, so ist dieselbe rund- lich, etwas von vorne nach hinten zusammengedrückt, verhältnifsmäfsig kurz, aber doch augenscheinlich länger als der Canalis auricularis. — Der Ventrikel ist dasjenige Organ im Körper, welches in Vergleich mit andern am schnellsten wächst und am frühsten seine vollkommene Ausbildung erhält. — Seine Gröfse macht ungefihr -^^ der ganzen Körpermasse aus und nach Verlauf von 58 Stunden beiläufig, ist er grade noch einmal so grofs geworden. — In dem- selben Maafse in welchem die Herzkammer an Volumen zunimmt, ändert sie auch allmähhg ihre rundliche Gestalt, wird immer mehr und mehr zuge- spitzt und geht in die vollkommene Conus Form über. — Nachdem diese eine Kammer in der Formbestimmung zu Ende und gleichsam mit sich selbst überein g3komrnen ist, erscheint auch sehender neue zweite Ventrikel und zwar geschieht dies zu Ende des l^ien Tages. — Unter dem Bulbus der Aorta schiefst nehmlich ein kleines Bläschen — ein Tuberculum — empor, welches nicht ganz so starke Wände wie der schon vorhandene Ventrikel hat, aber von derselben Farbe und von länglich runder Gestalt ist. — Das ganze Herz, wel- ches bisher noch immer einiges von der Lage eines ursprünglich hufeisenarlig. und zwar nach links gebogenen Kanales an sich hatte, geht jetzt, wo sich der neue Ventrikel angesetzt hat und sehr schnell empor wächst in die senkrechte Lage über, w^obei die neue Herzkammer nach rechts zu liegen kommt. — Es liegt also vor Jedermanns Augen klar und deudich dar, dafs derjenige Ventrikel, welcher zuerst erscheint, der linke, oder der späterhin sogenannte y^or^enw«^//- kel Ist und dafs der nachlier sich ausbildende die zuJdinftige Lungenarterien-
des rn c 11 s c li l i c h 0 11 Herzens. 51
kammer oder der Vcnlriculus dcxter ivird. — l?cldc Vcnliikcl sind von einan- der durch einen sanften äufscrlich bichll)aren Einscluiiit t^eUfniii. —
?. xxxviir.
Der Vcnensacli — y4ar'icula — vordieni um so nielir seine ErMäHnun" nach der Kammer, da diese ganz unbezAveifeli vor der liilduui^ der Auricula schon exislirt und Iclclil eikannl werden kann. — Ihr Entstehen verdankt sie ausschhefscnd der Vena cava und unsre Ansicht hierüber werden wir noch aus- iührhcher an zVvey Stellen unserer Abhandlung aussprechen. — Die Auricula je- doch ist etwas stärker in Ihier Textur als jene Vene und von ihr durch einen weifslichcn Griinzstreif unterschieden. — Es ist auch nur anftnglich ein Venen- sackj eben so wie eine Kammer da und die gröfsle Breite der Auricula fallt gegen die linke Seite hin. — Bald jedoch ändert sich durch das Erscheinen eines doppelten Ilalbzirkels dieses Verhältnifs. — Wenn man das Herz von der rech- ten Seite betrachtet, so kann man diese Halbbogen, von welchen der linke der gröfsere, der rechte aber der kleinere und am meisten nach vorne zu gelegene ist, am allcrdeutlichsten erkennen und leicht unterscheiden. Diese bei- den Gebilde sind die ersie Spur einer Thcilung der Venensäcke, welche jetzt ebenfalls in einen rech ten kleineren und lin ken gr öf s eren , oder auch der Lage nach, In einen rechten vorderen und linken hinteren Venensack zu unterscheiden sind. — Nach und nach sondern sich die beiden Auriculae auch mehr und mehr von einander, wachsen stark nach oben zu und stehen dann zu- gespitzt hervor, so dafs die jetzt entstandene Vorkammer des Herzens, oder die Vereinigungshöhle beider Venensäcke, gleichsam von zwey mutzen arti- gen Fortsätzen überragt v\ird. — Eben aber in dem Zeltmomente, wo diese Phasen hier sich ausbilden , wächst an dem Bulbus Aortae der neue Ventrikel an und mit seinem Erscheinen wird auch der Zv^ischenraum zAAlschen beiden Venensäcken grüfscr und ihere Trennung vollständiger, und jeder Ventrikel hat
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59^ E n t w i c k e 1 u 11 g s g e s c h i c li t e ^
jetzt seine Auricula. — Die beiden Herzohren wachsen ungemein rascli, das rechte über-flügelt aber gar bald das linke an. Gröfse und Ausdehnung und nur langsam stellt sich das Gleichgewicht wieder her. —
§. xxxix;
Nach der kurzen Betrachtung' dieser beiden wichtigsten Gebilde , der zufol- ge wir gesehen haben, wie sich vor allen Hcrztheilen zuerst der linke Ven- trikel ausbildet, dem das linke Rerzohr oder der Venensack folgt, worauf dann die rechte Herzkammer und die Auricula dieser Seite hervortretea und die aus beiden Herzohren gebildete Vorkammer — Atrium — entsteht: bleibt uns noch die Lehre yom Canalis auricularis , einem sehr wesentlichen Theile des Embryoherzens in fiühster Zeit , mit ein Paar Worten vorzutragen übrig. — Malpighi hat diesen Verbindungskanal zuerst deutlich beobachtet und ihn mit dem Namen: brevis intermedius canalis (1. c. p. 7. und beson- ders p. 8., wo er sagt, es sey eine „vlay quae ulteriori eget indagini^') belegt. Er sah ihn zuerst am zwevten Tase, andere Schriftsteller aber erkannten ihn erst später "'-). — Ausgemacht ist es jedoch, dafs er in sehr früher Periode er- scheint und um so länger ist, je jünger der Embryo beobachtet wird. Er entspringt aus dem Ventrikel trichterförmig, d. h. mit der weitesten Oeffnung und endet mit seiner enseren IMiindun" in dem Venensacke. — Um sich eine recht deutliche Vorstellung von seiner Lage und Form zu machen , mufs man ihn von der linken Seite betrachten , denn von rechts angesehen, scheint es, als ob er durch eine scharfe Linie gleichsam von denl Ventrikel ge- trennt würde und später, wenn die rechte Kammer und Auricula entstehen.
*) Es ist überhaupt liiev zn bemerken , dafs man mit der Zeitangabe beym Entstehen der einzelnen' Theile nicht zu ängstlich scyn mufä und ihr nicht zu viel Gewicht beylegen. darf, denn nach dem Zeugnisse aller Autoren bindet sieb die Natur nicht an eine be- stimmte Stunde oder halbe Stunde, wenn sie den Körper baut.
(1 CS m e n s c h l i c li c u Herzens. 5.3
bedecken diese beiden Gebilde ihn ganz. Untersucht man ilin aber von der linken Seite, so erkennt man ihn leicht als rliicn voUkoninicnen Vcrbindun^s- gang, dessen Wände sich vor dem übrigen rüthlichen oder "wenigstens rostfarbigen Ventrikel durch ihre Blasse auszeichnen. — ^Vcnn aber die Kammern sich mehr und mehr entfalten und die Lagen von Muskel fiebern betrachlicher und stär- ker werden, nmfs natürlicherweise auch dieser Kanal kürzer erscheinen. — Die Wände des Herzens umhüllen mit iliren Fleischfiebern den ganzen Canalis au- rieularis, der auf diese Weise in das Innere der Ilerzeinrichtung aufge- nommen, seine Selbstständigkeit verliert, sich innner noch mehr und mehr ver- biergt und endlich nur noch in der Form einer kurzen wulstigen OefTnung, als das sogenannte Ostium venosum — erkannt werden kann. — Diese Metamor- phose beginnt gewöhnlih gleichzeitig mit dem Zurücktreten des Herzens in die Brusthöhle und seiner Ann ährung an die Wirbel- beine und erreicht mit dem 6ten Tage ihr Ende. —
§. XL.
Die Aorta erscheint schon ganz ausserordciillich früh und noch eher als die Auriculae gebildet sind; Sie tritt anfänglicli aus dem einfachen Ven- trikel als einfacher ungelh eiller Stamm hervor, ist vcrhälinifsmäfsig sehr lang und ganz und gar ohne Beugung. INIan erkennt dabei sehr leicht ihre aufwärts und zugleich rückkAvärts gehende Bichinng indem sie als ein fester häutiger Faden sich zeigt. Nicht lange jedoch nach diesem Erscheinen (in der 72ten Stunde nach Haller) geht eine grofse Veränderung vor, von welcher bereits Mal- PiGHi 1. c. fig. i3. und i5. die herrlichsten und richtigsten Abbildungen gegeben hat. Die Aorta wird nehmllch kürzer aus der Brust hervorstehend und durch Ein- schnürungen in drey, durch ihr Lumen von einander unterschiedene, aber unter sich vollkommen zusammenhängende Kanäle getrennt. Der erste dieser Kanäle, oder derjenige Thell der Aorta, der oben aus dem Herzen geht, Ist sehr eng un(J
54 E n t w i ckelungsgeschlclite
lelclit gebogen. Es ist dieser das sogenannte Freluni IIalleri. Der z-^'ejte dagegen ist kurz und verliältnifsmäfsig von so grofsem Durchmesser, dafs er in dej* That einer länglichen Blase, oder einer Zwiebel gleicht, weshalb man ihn auch den Bulbus Aortae genannt hat. Dieser Theil der Aorta pulsirt vor allen anderen am sichtbarsten, und eben deshalb •wurde er auch von Malpighi, dem sorgfältigen und torsichtigen Beobachter, für den linken Ventrikel selbst gehalten. '''^) Der dritte Kanal endlich , das Rostrum , ist kürzer als der vorhergehende, und von dünne- rem Durchmesser, allein dennoch in die Breite ausgedehnt, nach oben hin ein kleines wenig schmäler und mehr nach der Seite gerichtet als das Fretum und der Bulbus. — Von diesem Rostrum entspringen endlich die drey, von einander deutlich getrennten sehr engen Wurzeln, die schon nach sehr kurzem Verlaufe sich unter einander bogenförmig vereinigen und die absteigende Aorta bil- den. Allein so wie alles im bebrüteten Eye immerwährenden und raschforlschrei- tenden Wechsel unterworfen ist , so auch hier die ganze oben beschriebene Herz- parlhie. Gar bald wird der Bulbus aortae enger und nähret sich in seinem Lu- men den beiden übrigen Kanälen, so dafs jetzt Fretum, Eulbus und Rostellum einem cyllnderförmigen Kanäle gleichen. Nachdem diese Veränderung statt gefun- den, tritt die wichtigste Metamorphose ein, welche dadurch herbeigeführt wird dafs sich die einzelnen Herzgebilde zu concentriren streben und sich mithin
*) Hier ist der Ort ein Paar Worte über das so beriit.mte Functum suliens zu sagen. Der Bulbus Aortae, der Ventrikel und der Venensack, pulsiren, wenn sie gebildet sind sehr lebhaft und sichtbar. Von diesen dref Gebilden, denen Aristoteles in seiner Histor. anim. L. VI. Cap, 5, den Namen punctum srniguineunt gibt und von dem er sagt: falire et moveri ut cinimal , kommt der Name. Bey Aldkovandos ( Aldobkakdi ) kommt der Name punctum snliens zuerst vor uud von ihm entlehnt bey Harvey {l. c. p. 49.). Das Punctum saliens im ursprünglichen Sinne nur den vereinteil drey Theilen des Herzens zukommend, drückt aber keineswegs, wie es früher allgemein angenommen war , das erste, sichtbar sich Bewegende im Körper aus, denn schon in der 42 — 48 Stunde sieht man sehr deut- lich unter dem zusammengesetzten Mikroscope das noch viel einfachere Herz pulsiren und zwar künden sich die einzelnen Herzschläge deutlich, durch eine blutrothe plötzlich erschei- nende Figur dar, die ganz vollkommen die Form eines Pfeiles hat.
des m cn seil lieh on Herzens. 55
zurückziehen- Am eisten I)Cinorkt man dieses Zurückgehen am Ficlum und Koslrum, das eine bu-gl: sicli in den Vcniiikel, das andere in den ]! u 1 )> u s aorlac, ■welcher jiMzt unmillclbar auf die Herzkammer aufsitzend aucli unniiiicl- jbar aus sich die drey Aortenwurzehi schickt. Allein gar bald ziehen sich auch der Bulbus und die; Aorlcn^vurzcln einem genieinseliii filichen Centrum nJihcr und werden kürzer. Der Bulbus aber Avird von den Muskel fiebern der Herzkammer umlagert und llieils hierdurch, iheils aber noch durch ferneres Einziehen in die Herzhöhlen verschwindet er endlich ganz und gar und die Aorta entspringt jetzt unmittelbar aus dem Herzen und auf eine Art wie wir dies bey der ferneren Darstellung des sich ausbildenden Herzens sehen werden. Die i44stc Stunde be- schliefst gewöhnlich diesen Kreis von merkwürdigen und sehr wichtigen Erschei- nungen.
§. XLI.
Indem ich den Leser bis zu diesem Punkte in der Entwickelungsgcschichte des Herzens geführt habe, liegt es mir ob, noch einer anderen nicht minder wich- tigen Pflicht nachzukommen. — Ich habe nehmlich die wichtige Thalsache schon angeführt, dafs das Gejä/ssystem ursprünglich seine Entstehung durchaus nicht dem Herzen verdankt, sondern dafs dasselbe in das gefufslose Herz gleichsam hin- ein wachst. — Die ersten Spuren der entstehenden Gefafse habe ich auch bereits nachgewiesen , bin aber vom weiteren Verfolgen dieses Pfades abgestanden, indem dem Herzen als dem Haup (gegenstände dieser Skizze der Vorzug gebührte, und es sehr gut anging, beyde Lehren isolirt vorzutragen. — Jetzt aber ergreife Ich den abgerissenen Faden in der Bildungsgeschichte des Gefafssystems wieder, will es versuchen ihn sorgsam fortzuführen und ihn dort anzuknüpfen, wo die Natur selbst ihn gleichsam zum Herzen geführt hat. — Auf diese Weise kommen die beiden wichtigen Glieder ein und derselben Kette, die bisher getrennt waren, zusam- men und sollen es fortan auch bleiben, damit ihre ferneren Verhältnisse und
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Gestaltungen gemeinscliafdich betraclitel werden können , und auch in unserem Buche nicht mehr getrennt erscheine, was die Natur zusammengefügt hat. — Der ganze Vorgang der Gefäfsbildung ist ein sehr zusammengesetzter und schwer richtig zu verstehender, indem die Veränderungen sich sehr rasch folgen und man nur spärUch, taugHch bebrütele Eyer zu diesen schmerigen Untersuch- ungen findet. V^er sich daher diesen Gegenstand zu erforschen vornimmt, sor- ge hauptsächlich für Geduld, für eine grofse Menge gleichzeitig behrüte- ter Eyer und für die Geschicklichkeit ein treffliches Mikroscop mit Kenntnifs und Leichtigkeit gebrauchen zu können. — Nirgends ist Täuschung leichter und verzeihlicher als hier, denn die über alles herrliche Erscheinung des pulsirenden Gefäfskrelses , fesselt durch ihre Pracht und Neuheit so ungemein die Wifsbe- gierde und die Aufmerksamkeit, dafs man in der That den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennen kann. Wann es schv^^erig war, die rasch sich folgen- den Herzmetamorphosen zu erfassen , wenn man Mühe hatte dem . Unbestande der Herzformen — ein Prärogativ des menschlichen Herzens überhaupt — Schritt für Schritt zu folgen, so sind die Wege, die man bei der Erforschung der Ge- fäfsbilduug zu wandeln hat, noch viel ungeebneter und verworrener, und es ko- stet Mühe den Faden zu finden, der in und aus dem Labyrinthe fülirt. — Deshalb schenke man mir hier, mehr als irgendwo Naclisicht und Güte. —
§. XLIL
Es ist bereits nachgewiesen worden, auf welche Weise sich in dem serö- sen Blatte der Keimhaut die kleinen Blutinseln bilden wie dann wieder aus diesen sich die sogenannte Gefäfshaut gestaltet. Dieses letztere haben vnr als ein eigenthümliches Gewebe, oder besser als ein sehr zart gewobenes Maschenwerk kleiner Blutströmehen kennen gelernt. Die Blutströmehen aber sind dünne rost- farbene, bogenförmig unter einander verbundene Streifen, in welchen ein le- bendiger
des mc n schlich eil Herzens. 57
tcncllgos Treiben und Woben ganz unverkennbar ist. Unaufliörlicli irelcn diese Bivuli unter einander zusaniiunien und trennen sich wieder auf voiscliiodenc Weise, wodurch dann allmiililitli in diesem Nclzwcrke einige sichtbarere, gh'ich- sam prädominircndc Gehilsc sich bilden, welche der Stamm der iibrigen Idei- ncren Zweige zu seyn scheinen. Das Vcrhallnifs zwischen Stamm und ZAVeig ist übrigens begreifliclier AVeise hier keineswegs ein so ausgebildetes und scharf- gezeichnetes wie in dem Körper des Erwachsenen oder nur des Embryo, sondern die liauplbesliinmung beider RegrifTo hängt liier lediglich nur von der Grofse oder Kleinheit des Blutstrorachens ab. Nachdem sich also hier ein kleines Ge- fafssysteni''") oder wenn man lieber will ein Netzwerk von Blutströmen, welche un- ter bald gröfscrn bald kleinern Maschen zusammentreten, ausgebildet hat, welches aber noch in gar keinem Bezüge mit dem werdenden Körper des Thieres steht, verändert sich die ganze Scene so plötzlich und so überraschend, dafs man wolJ die stattgehabte Veränderung selbst, aber nicht die Stufenfolge derselben erkennen kann. Das nur läfst sich mit überzeugender Gewifüheit nachweisen, dafs die Ur- sache dieser ganzen merkwürdigen Metamorphose einzig und allein in dem Rük- kenraarke liegt. Dieses, eingeschlossen in seine zarten Hüllen , zwischen den bei- den Pnmitivfalten , wirkt, ich möchte sagen, mit elektrischer Kraft auf das Gefäfssystem. Es attrahirt die schon gebildeten Blutströmehen, verknüpft sie mit dem Herzen und stufst sie dann wieder durch alle Theile des Embryokör- pers und des Gefafshofes hindurch von sich. Es weifst dem Blute seine Rich- tung an und regelt seine Bewegung; kurz, man erkennt in diesem zarten Nerven fädchen, dem zukünftigen Rückenmarke, das lebendige, schaffende und regierende
*) Der ganze jetzt bestehende Blutapparnt ist weiter nichts als ein Gefleclit ( ihrer Bedeutung nach) venöser Blutströme. Dafs es i\ntuöi;lich anders seyn könne, 'geht aus dem bisher schon erläuterten hervor, denn das Herz ist ursprünglich geiäfslos: die Gefurse bilden sich erst in dasselbe hinein, folglich können die zum Herzen trelendcii Vasa ancli nichts anderes seyn als Venen, indem dirsi.r Name einem jeden Gefäfse zukommt, welches Blut dem Herzen zufuhrt. Alle fnthercin lüerübcr gehabten Streite sind eitel und unnlitz gewesen!
H
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Prihcip. Die Vertheidiger der HdntiiIR- AßERNETHj'sclien Lebensllieorie ilnden Her eine grolse und kräftige Slülze für ihre Sache.
§. XLJIL
Wenn "wir nach dieser statt gehabten Veränderung das bebriitetc Ey untersu- chen, finden ^ir einen vollkommen geschlossenen Gefäfskreis schon gebil- det, Das allmählige Fortscheiien der Gefiifsbildung von dem Punkte aus , wo
-wir sie eben Aderlässen haben , bis hierher genau zu -verfolgen , ist bisher noch keinem gelungen, selbst- Haller, der sich so viele Mühe gab, keine Sprosse der schwer zu ejklimnienden Leiter zu überspringen , macht hier einen gewaltigen Schritt.
Die jetzt bestehende Gefäfsanordnung , ist gleichsam nur eine -Uebergangs- stufe zu der vollendeteren, und dauernderen Gefafsvertheilung; . — sie ist daher nur eine vorübergehende Erscheinung, die aber ihres hohen Elnflufses wegen auf die ganze Gefäfslehre, unsre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt. —
Das wichtigste was uns an diesem Gefäfskreise (area umbilicalis Malpiö^ III, ßoura 2,'e/2 osa Haller i) auffällt, sind die grofsen Gefäf ss tämme, durch welche das Blut im weilen Kreise umhergetrieben Avird. Ueber die Natur dersel- ben und namentlich darüber, ob sie Venen seyen, Avaren die trcfTlichslen Beob- achter in AÖlliger UngeArifsheit. — Haller läfst es im unbestimmten, Wolfp erklärt sie für Venen - — nur dem herrlichen Spallakzani war' es aufbehalien mit voller Gewlfsheit es zu bestimmen, dafs die Stämme sowohl arterieller als venöser Natur seyen (Ej. Fenomeni ilella Circolazione, Esperienza CXV. o, 4o)- Pajvder, erhob die Sache über allen ZAveifel — und erläuterte sie durch eine der meisterhaftesten Abbildungen , die man nur immer sehen kann (L c. T. VIII.).
- des m e n s c 1i 1 i c li 0 n IT c r z c n s- 59
§. XTJV.
Der grofscn Gcfärssliimmc sind gcivölinlidi vlrr, zmvolhm , jcdocli, nadi üjclncr kleinen Erfahrung /.u urlheilen , seilen , fünf, und unler diesen sind zwcy Arterien, und die anderen fieydcn Venen. Sind alier frinf \orli.in- den, so isl. ein Ve nen s la in ni, nie ein Ailcricnslainm überzählig. — Diese vier Ilaupläsie, zerJicilen sich in unzählige Raniificaiionen , welche besonders zahlreich zwischen dem Herzen und dem Sinus iCrminalls sind. Merkwürdig ist. je- doch ])el diesen Verästelungen, dafs sich die vielen einzelnen Z^vcige nicht planlos durchkreuzen, sondern, dafs, wie Panoek es so schön beobachtet hat, eine Scliiclitung statt findet und zwar so, dafs die obere Schichte von den Venen, die untere dagegen von den Arterien gebildet AÜrd. — ' Was' demnach zuerst diese letzteren: die Arterien, anbelangt, so sind dieselben weiter niclit's als die schon vollkommen sichtbaren , und leicht zu deutenden Arteriae iliacac des vollkommenen Thieres oder die gabelförmige Tlieilung" der gleicli näher zu beschreibenden Aorta. — Von jeder dieser bejden Arterien -Siämmen griit genau ihrer Mitte unier einen beinahe rechten Winckel der sehr erofse GeHifsast
in
b'
fiir den Gefäfshof ab. — Derselbe geht ohne sich zu verästeln über seine Hälf- te des Fruchthofes im Schleimblatte hinAveg , und fängt erst an dessen Gränze an sich zu ramificiren. —
§. XLV.
Die beiden Venenstämme, werden in einen oberen oder absteigen- den und einen unteren oder aufsteigenden eingedieilt. JMan hüte sich, je- doch hier vor dem Fehlgriffe zu glauben, dafs dieses die zukünftige Vena cava des- cendens und ascendens sey: diese stehen mitt jenen \n gar keiner Verbindung, denn jene existiren und verschwinden bei weitem eher noch als die unsere und obere Bolilader gebildet worden ist. Die oben, genannten Venea aber gehören der ersten
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60 EiitAvickelungsgescliicIite
Periode der Gefifsbildung an, während die Holiladcrn erst in der zweyten sich ausbilden. Zur Vermeidung eines Irrdiums vviil icli daher die jelzt zu beschrei- benden Venen; Vena magna super lor und V. magna Inferior benennen.*) Die erslere derselben oder die Vena magna superior entsteht aus dem gleich näher zu beschreibenden Blutkreise, und zwar grade an der Stelle wo dieser sich einbiegt, oder um vielleicht richtiger und verständlicher zu sprechen, will ich sagen, der Blutkreis selbst macht grade ober dem Kopfe des Embryo eine Einbeugung, verlängert sich, nimmt Wände an und wird die herabstei- gende obere grofse Blutader, so zwar, dafs diese Vene als nichts anderes betrach- tet werden kann, als als fortgesetzter Blutkreis. Diese Ansicht gewinnt eine sehr grofse Haltbarkeit, wenn man bey weiterer Beobachtung des bebrületen Eyes sieht, wie die Veränderungen des Sinus terminalis sich auch sogleich in der Vena magna sup. abspiegeln und wie grofs in jeder Rücksicht das Uebereinstimmen bei- der ist. Diese Vene ist nicht immer einfach , sondern sehr oft doppelt und als- dann laufen beide Stämme so , dafs sie oben am Blutkreise nahe aneinander lie- gen, sich dann allmählig von einander entfernen und bcyni Eintritte ins Herz sich wieder bogenförmig in einander verlieren.
Sehr abweichend von dieser Blutader ist die untere, die Vena magna in- ferior, welche zwar gleichfalls aus dem Blutkreise entspringt, doch nicht gleich als Stamm, sondern mit unzähligen kleinen Würzelchen, welche zusammentretend erst den grofsen Stamm bilden. Er entsteht grade an der enigegengesetzten Seite vom vorigen d. h. am Schwänzende des Embryo, liegt weit mehr links als jener und zeichnet sich durch gröfsere Länge, aber geringere Dünne aus. Kurz ehe die obere Vene sich in das Herz einsenkt, vereinigt sich auch die herabsteigende mit ihr und beide gehen dann gemeinschafdich in den Venensack des Herzens über.
*) Es mögte niclit nnp.Tssend seyn , die erste Periode oder die eben beschiiebene Periode der Gefäfsbildung die vorbereitende, die zweyte: die Uebergangs- und die dritte die Periode der Vollendung zu nennen^
des mensclillcli cn JTcrzons. Gl
Zu Lcmcrlton ist es ührigcns norh, dafs der Venen rcicl nimm im ganzen C.p- fafssj'stenic hol wcllcin von den ungemcla zalilrcichca Ar te ri c n verbcreilungen übcrtroircn wird.
§. XLVI.
Was nun cndllcli den Blulkrcis, Vena icrniinalis oder, viel riclniger, Sinus lorniinalis anbelangt, so bemerke ieb, dafs derselbe die iiusscrstc Gränzc des Gefiifssystems bildet: er ist gleichsam dessen Einzäunung. Der Sinus termi- nal is ist von rundlicher Gestalt ^ welche gewöhnlich oben durch eine trichter- artige Einbiegung unlerbroclien wird. Seltner findet sich eine ahnliche Einbie- gung auch an dem entgegengesetzten Pole. Der Blutkreis findet sich schon sehr früh- zeitig angedeutet vor, und der dunkle aschgraue Bing, welcher sich um die sich im serösen Blatte des Blasloderma bildenden Blutkügelchen schlingt, scheint nichts anderes als der oben erwähnte Sinus zu seyn. Im Sinus terminalis , in seiner vollendeten Ausbildung, circulirt das Blut frei, in keine Gefäfshäute ein- geschlossen. Ob Zellen in dem Sinus vorhanden sind, läfsl sich nicht angeben, ist aber sehr wahrscheinlich. Ueberhaupt ist noch so manches dunkel und un- Terständlich in der Geschichte dieses Blutkreises : Zeit und Beharrlichkeit müssen alles aufklären.
So beschaffen ist das Gefäfssystem in der Periode die ich die vorberei- tende genannt habe, und so kann man es vom vierten bis eilfien Tag beobach- ten; nach diesem aber findet man schon seine Spuren wo nicht ganz verlöscht, doch schwer zu erkennen und noch schwieriger zu verfolgen. Die Pracht des vom Blute rasch durchströmten Gefafssystems ist in der That ein hoher Genufs für jeden , der sich diesen schwierigen Forschungen unterzieht. Doch wähle man hierzu den rechten Zeitpunkt, denn ist dieser einmal vorüber, so verändert sich bis zur Unkenntlichkeit das ganze herrliche Schauspiel. Die erste sich deudich offenbarende Veränderung wird in dem Sinus lerminalis deobachtet. Er wächst
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zwar gTcictmäfsig und im Verliältnisse mit der sich immer mehr und mehr ent- faihenden und an Bedeutsamteit gewinnenden Keimhaut fort, doch verHcrt er die proportionirte Breite und Lebens thätigteit, wird schmäler, blutdürftiger und ver- liert dabei auch seine gesättigte Röthe. Diese Vei'änderungen greifen immer mehr und mehr um sich und machen zuletzt aus dem so gewichtigen Organe im Blut- gefäfssysteme ein dünnes' unscheinbares Fädchen, welches zuletzt ganz und gar dahinschwindet und als Spur einen weifslichen Streifen zurücUäfst.
§. XLvn.
Nicht ganz so früh als im Sinus terminalis , doch sehr bald nachher, ber ginnen auch die wichtigsten Metamoiphosen in dem Blutgefäfskreise in- und äüfserlialb dem Embrjokörper sich zu gestalten. Bemerlienswerth ist es. dafs die gröfste Veränderung der venösen Sphäre des Gcfäfskreises bevor- sTteht,, während die' arterielle den Kreis ihrer Umgestaltungen weit. langsamer tthd: weniger aufTallend durchläuft, so zwar dafs^ mit der Geburt des Kindes, eftt die volle Ausbildung des Pulsaderstamnies geschlossen wird. — Das Venen- sy stein reift dagegen bei weitem früher und eilt dem Arterien Syste- me beinahe um ein ganzes Lebensalter voraus,, so dafs die Venere im ungebohrnen Kinde sich grade so verhalten, wie die Arterien einigeZeit nach der Geburt, die Vene ist schon im Fö tu salter, während die Arterie noch längere Zeit im Embr y ozu s ta nd e bleibt. Ein auffallendes Beispiel hiervon ■werde ich in der Lehre von der Vena umbilicalis und dem Ductus venosus Aran- TiT- nachweisen. Ich verweise meine Leser dorthin und fahre in dem abgebroche- nen Vorträge fort. — Die natürliche einzig mögliche Folge der eben angedeuteten Veränderungen in dehi Blutkreise ist eine Abnahme, ein Schwinden, der un- inittelbar mit ihm verbundenen: grofsem Blutgefäfse ,, d. h. also der grofsen oberen und gröfern unteren Blutader. — Beyde Venen beginnen zu schrüfbpfen , nicht mehr so reichlich Blut zu führen;,, enger zu, werden und nach
d c s m e 11 s c li 1 Ic: li c n T f n r z c ii s. G^
ui>(I nacli' von dr-ni Paulao an, wo sin aus dem Sinus icmiinalis cnlsprlngrn,. völlig abzus 10 rhcu. — Dieses Ahslerbcn dos Gcfüfscs solzL sich alliiialilig forlsclisrekcnd von der Pciiphcrlc g^gcn das Ceniruni — das Herz — Iiin , fori, ])ls ondlicli die beiden sonst so frisclicn GeniCsc olinc TJüiligkcU und ganz unscheinbar geworden sind. — Das 13lul nlj(M-, -wclclies früher in bcirächl-, lic'her Menge durch die grofscn Ycncn geführt wurde, saiumelt sich nun weit reichlicher in deren Piamificatlonen an und gnr bald zeichnen sich aufiTallendj uiuer diesen Verzweigungen, zwey Zweige aus, und zwar immer dicjcnigcu welche den arteriellen hey den II au p ts lamm cn am nächsten liegen.
Diese beyde Zweige übernehmen die Holle von Stämmen, schwellen' sehr stark an, führen viel Blut und bewegen sich nacli und nach immer mehr und mehr den beiden Artcricnstämmen näher , bis sie endlich ganz fest an ihnenj anliegen. — So sieht inan auf einmal das ganze Verhältnifs der Dinge geändert: früher entwickelten sich Arleric und Vene unabhängig von einander, ein je- des ging seinen eigen abgesonderten AVeg, jelzt aber sind beyde fest an einander geschmiegt unzertrennliche Gefährten geworden und durclilaufeii gemeinschafllich in wechselseitiger Abhängigkeit von einander ihre Lebens - Metamorphosen. — i Die beyden Venen , anliegend an die beyden von der Aorta abgegebenen grofsen Artetienstämme. — die A.. A. iliacas — gehen durch die Nabelscheide, deren Gestallt H.A.LLER sehr treffend durch das ^^ins'tonz inj^undibahiin" zeichnet, -. — in den Embryokörper hinein.
§, XLVIII.
Die bisher in ihren Abänderungen verfolgten undj dargestellten Gefäfse sind die sogenannten Vasa omphalomeseraica, deren Bedeutsamkeit , eine so grofse und wichtige ist. — Diese Vasa omphalomeseraica oder die KrÖsnabelsefäfse dringen gleichzeitig mit der Gefäfslamelle der Keimhaut in die Bauchliöhle hinein. Die Gefäfslamelle aber hlldel das ganze Mesenterium mit allen seine«
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Gefäfsen. So also laufen die Krösnabelgefäfse dicht üter den Mastdarm liinweg , - und bilden das Gefafssystem der Bauchliöhle , und in diesem entwickelt sich vor allen die Pfortader, die Vena porlarum. Diese Vene, die ihrer Bedeutung nach schon sehr früh da ist, und z^Sir früher , als die untere Hohlader ist die wichtigste des ganzen Körpers. Sehr bald jedoch nach ihr, allein wie es scheint. nicht so früh als es Haller angiebt, erscheint auch die untere Hohlader, wel- che kleiner und blutleerer als die Pfortader, sich unmittelbar mit der Vena por- larum verbindet. Dieses ist eine Thatsache, die gar keinem Zweifel imteriiegen kann , indem man die ganze Gefäfsanordnung ungemein deudich vor Augen hat. Schwieriger ist es das allmäh lige Entslehen der beiden oben genannten Haupt- venen des Embryokörpers nachzuweisen. Ueber die Richtung der Blutaderge- fafse ein näheres anzugeben, liegt ausserhalb der Gränze meiner Skizze 3 es genüge zu bemerken, dafs sie von derjenigen im Fötuskörper nicht um vieles abweichu
§, XLIX.
wir haben bis hierher lediglich die Resultate der Beobachtungen am Gefäfs- Systeme des bebrüteten Eyes gegeben. Ihren unberechenbaren Werth fiir die Bil- dungsgeschichte dieser Theile im besondern und aller Organe des menschlichen Körpers im Allgemeinen, sieht jeder Sachverständige ein. Gleich zu Anfang dieser Arbeit habe ich darauf aufmerksam gemacht , und ich wiederhole es hier nochmals dafs durchaus gar nichts dem Schlüsse der Analogie nach im Wege steht und dafs man mit vollem RecliLe erwarten kann , ganz dasselbe Resultat, welches das bebrütete Ey geliefert hat, auch beyni menschlichen Eye zu finden ,' wenn man an- ders Gelegenheit und Mittel haben könnte, diese unter denselben günstigen Um- ständen als jene zu beobachten. Es bleibt mir nur noch übrig auf einige wesentli- che Unterschiede zwischen dem Vogeley und dem Menschlichen hinzudeuten und so viel als möglich zu zeigen , dafs trotz dem , dennoch die Ergebnisse rücksichtlich ^er Gefäfsbildung ganz dieselben seyn werden, -
§. L.
des m e lisch Hellen Herzens.
§. L
Allgemein ist es bclsannt, dafs ein sein- -wcsentliclier Unlersclilccl in jeder Hin- sicht zwischen dem anatomischen Baue des menschlichen und des Iliihncrcyes ist. Auf die gröberen Unterschiede brauche ich nicht aufmerksam zu machen, wohl aber auf einen feinern und namentlich für unsren Zweck fast ausschliefsend wich- tigen. Im Hiihnerey haben wir den Dotter sack sammt dem Doitcr und dem Hahnentritt kennen gelernt. Das menscldiche Ey hat keines von allen drcyen, wohl aber einen vollkommenen Repräsentanten desselben, nehmlich das Nabelbläschen- Als meineia Gegenstände fremd, übergehe ich alle die ver- wickelten , bisher geführten Streite über dieses hochwichtige Organ im Ovo hu- inano. Ich bemerke blos , dafs die Vesicula umbilicalis und der D o t- lersack der Hauptsache nach völlig gleichbedeutend sind und nur in weniger wichtigen Punkten sich unterscheiden. — So wie nun im Dottersack das Auf- keimen des Lebens beginnt, so auch in dem Nabelbia sehen: es durchläuft ■dieselbe Reihe von Metamorphosen wie jenes und liefert dieselben Produkte. — Ganz eben so wie das Gefäfssystem im bebrüteten Eye sich enlMäckelt, gestaltet es sich auch im Menschen in der Vesicula umbilicalis, und in ihren Wänden verlaufen die Vasa omphalomesenterica grade so wie in jenem. — Doch statt dafs der Dotiersack mit in die Bauchhöhle des Vogelembryo eindringt, geschieht dies bei der Vesicula umbili- calis durchaus nicht: blos ihre Content.i kommen allmähliof in das Cavum ab- dominis d. h. die in dem Nabelbläschen sich gestalteten Eingeweide lagern sich in der Bauchhöhle. Ausseidem unterscheiden sich beyde Gebilde noch in anderer wichtiger physiologischer Beziehung, doch ist hier nicht der Ort hierauf deut- licher hinzuweisen. Gesagt ■verdient es übrigens zu werden , dafs , nachdem dieGefäfse der Vesicula umbilicalis d.h. die wahren Vasa omphalomesenterica — in den Körper des Embryo dringend, die Pfortader u. s. w. gebildet ha- ben und sich der Gefäfskreis der Bauchhöhle gestallet hat , dafs dann das Nabel-
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tläschen selbst anfängt sich zu verUeniern , an Thäligkeit allmählig zu verlieren, bis es endlich ganz abstirbt und völlig obliterirt. —
§■ LI.
Ausser diesem eben näher bezeichneten Unterschiede, haben wir noch auf einen anderen zwar minder wichtigen , aber dennoch höchst wesentlichen und gewichtigen aufmerksam zu machen, nehmlich auf die Gefäfse der Nabel- schnur und auf die Nabelschnur selbst. — Gleich beim Beginnen dieser Zeilen mufs ich jedoch bemerken , dafs die Bildung der Nabelschnur zu den al- lerdunkelsten und verworrensten Lehren in der Entwickelungsgeschichle des Kin- des gehört. Wir bedürfen hier gar sehr einer Aufklärung, werden aber wohl nicht sobald als es zu wünschen wäre, die preiswürdige Lösung des B-äthsels erwarten dürfen. — Alles oder vielmehr das Wenige was andere über diesen Gegenstand wissen und was ich selbst darüber gesehen habe, beschräukt sich auf folgendes:
Die Nabelschnur gefäfse d. h. die beyden Arteriae umbilicales und die Vena umbilicalis verdanken ihr Dasej^n einem beim Menschen noch nicht hinlänglich genau erkannten, bei allen Säugelhieren aber, und namendich vorzüglich bei den Wiederkäuern, Hunden, Katzen, Pferden u. s. -w. mit der vollsten Klarheit nachgewiesenen Organe, nehmlich der sogenannten Harnhdut — AUantois- — Dafs dieselbe aber auch beim Menschen da sey, nur sehr frühzeitig verscjj winde; ist eine Thalsache, die kaum mehr zu bezweifeln ist, die ihre grofsen Gewährs- männer hat und der im menschlichen Eye die Anwesenheit des Urachus und des sogenannten falschen Wassers, W'elches nichts anders als Liquor allan- toidis ist, den Stempel der Gewifsheit aufdrücken.
§. LH.
Diese Haut, welcher im bebrüteten Hühnchen die aus der vorderen Wand des Mastdarms (grade an der Stelle, wo dieser sich zur Kloake er-
d es m en seil liehen Herzens» 67
Veiten) cntsprin genclc, mit zahlreichen Gcfäfsveräsielungen um. lagerte Chorionsblase an Bedeutung gleichsieht, hat eine überaus wichtige Function, indnni sie allerdings, wie Carus, Okeiv und andere es er^viesen Laben, die Function der ersten Athmung übei'nimmt. — Auch im Menschen ist sie von sehr vielen Gefafsvcrbreitungcn umgeben, -welche, ein Netz bildend, aus den Leyden schon vorhin genannte Hauplarterienstämme des Embryokörpers ent- springen und die Avahrcn Arieriae umbilicales sind. Es sind deren zwcy, welche dicht neben dem Urachus gelagert sind. — Dafs diesem Gcfufsapparate auch ein zurückführendes Gcfafs beigegeben seyn müsse, versteht sich ganz von selbst, und dieses venöse Vas ist die Vena umbilicalis. — Dieser Harnhaul - Gefäfsap p arat besteht jedoch so wie wir ihn jetzt kennen gelernt haben, bei der menschlichen Frucht nicht lange, indem die AUantois nur kurze Zeit hindurch beobachtet wird. Wie sie verscbwindet, liifst sich nicht genau bestimmen, nur so viel ist gewifs , dals in dem Maafse, als die Harnhaut unscheinbarer wird , auch das ganze Gefäfsnetz. sich verlängert und weiter ausbildet. -•') Wahrend dies geschieht , treffen die Gefafse auf die Membrana vasculosa des Eyes, verlaufen zwischen ihren beyden Blattern (wie dies OsuNDEK am richtigsten nachgev^^esen hat) vermehren sich immer mehr und mehr an Zahl und Gröfse und bilden so allmählig den Mutlerkuchen.
Die Arteriae umbilicales sind jetzt bei weiten deudicher geworden und auch eben so die Vena umbilicalis, welche an Volumen und Länge gewon- nen hat und sich unmittelbar und ganz vollkommen in die Pforlader und zwar in ihren linken Ast ergiefsL — Die weitere Darstellung der Nabel- gefafse aber, gehört nicht hierher, sondern in den folgenden Abschnitt, wo sie auch ihren Platz finden soll. —
*) Es niögte in der That ein Scüritt 2iir Aufklärung der sfreitfgen PniiRte seyn, wenn man näher untersuchen wollte, ob nicht im Menschen die Bildung und BedeiUung des Chodon ■»iel Aehnliclies uaid Analoges mit derjenigen im Vogeley habe»
I 2,
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§. Liir.
In der sich enifalienden Frucht sind also , wie aus dem, Bisherigen hervor-f leuchtet, zwey Gefäissysieme in der Enlwickelung begriffen, nehnilich dasjenige des Nabelbläschens oder die Väsa omphalomesenterica und dasjenige der Allan tois oder die Vasa umbilicalia, — Beyde Gefäfskreise , als Vor- bereitungsslufen einer höheren Gefafsbildung , entwickeln sich in von einander unabhängigen Zeiträumen und während der eine steigt , fallt bereits der andere und keiner von beyden sieht den andern in seiner vollen Thätigkeit. — Es giebt aber eine, wenn auch nur sehr kurze Zeit, wo man sowohl das Gefäfssystem des Nabelbläschen als dasjenige der Allantois zu gleicher Zeit wahrnehmen kann und das zwar zu Anfang des zweyten Schwangerschaftsmonates. — Man findet hier in dem verhältnifsmäfsig kurzen, aber sehr dicken Nabelstrange i) die beiden Arter las umbilicales und die Vena umbilicalis, 2) zwischen den Arte- riis umbilicalibus und der Vena umbilicalis die Arteria omphalo- mesenterica und die Vena o m p h a 1 o m e s e r a i c g. (letztere schon sehr dünn und blularm), 5) noch ein Stück der sehr gewundenen dünnen Intestina jmd 4) den Urachus.
Die Vasa omphalomcscraica sind diejenigen die am frühsten sich als vollen- det darstellen und sie sind es auch dafür , die am ersten wieder zurücktreten', dahingegen die wahren Vasa umbilicalia als etwas spätere Bildung sich auch bei weiten länger behaupien. — Alles ist übrigens im steten Wechsel begriffen und wer hier beobachten will, mufs der Natur rasch zu folgen nie ermüden. —
§. LIV.
Die wenigen Seilen, die ich der frühsten Gefäfsentwickelung zu widmen, mir vorgenommen halte, bcschliefse ich hiermit und verlasse zugleich auch die Bahn auf welcher die rein analomischc Untersuchung menschlicher Eyer mir so wenig und so dürfdg zur Hand ging. Demohngeachlet hoffe ich aber dennoch, dafs die
„ des mensclillchenllcrzcns. . Q9
meinen Lesern niltgedunlien RcsnUale sie niclu ganz unbefricdigl lassen ■vrerclen und dafs ich diesem höchst dunklen Punkte des Euibryolebens manche lichte Seile ge- geben habe. Es ist wahr, ich habe herrliche Vorgänger gehabt, und ich liabc viel von ilinen gelernt — doch auch ich habe ein kleines Scherflcln beygetrngcn und begnüge mich damit. Auch bcy dorn jetzt zu beginnenden zwcyten Abschnitte dieser Skizze fehlte es mir nicht an einem trefHichcn Vorarbeiter neuster Zeit. J. F. Meckel hat in dem deutschen Archive für die Physiologie, Bd. II. Heft 5. IV. p. 402 — /ßo einen unschätzbaren Reytrag zu Bildungsgeschichtc des Her- zeus gegeben. Der Gegenstand ist nicht erschöpft, allein ivas beobachtet und be- schrieben wurde, ist mit der musterhaftesten Genauigkeit und mit so viel Scharf- blick wiedergegeben , dafs es in der That nicht leicht seyn wird, etwas Erfreulicheres zu liefern. Zu beklagen sind die übel gerathenen Zeichnungen.
Schon in den frühsten Zeiten wurden häufige Untersuchungen üJjcr die Herz- bildung angestellt und zwar von Männern die die ersten in ihrem Fache waren, als wie von Harvey, Mery, Morgagni, Ridley, Trew, Le Cat, Haller, Por- tal, Mayer, Wolff, Se.xae, etc. etc., doch war der Plan ihrer Arbeit gröfsten- iheils zu wenig umfassend (wenn ich die Riesenarbeit Haller's: de formatione cor- dis, ausnehme,) indem sich die Untersuchungen der meisten auf Herzen aus dem 4tcn und Sten Monate beschränken, und mehr oder weniger ängstlich nur die be- kannten, dem Fötus cigcnthümlichen Clrculationswege berücksichtigen.
JI. BEOBACHTUNGEN^ ÜBER DIE BILDUNG DES HERZENS IN MENSCHLICHEN EMBB.YONEN.
§• LV.
In den allcrkleinsten Embryonen die man Gelegenheit Jiat zu untersuchen, deren Länge nur einige Linien beträgt, und die höchstens aus der vierten Schwan- gerschafiswoehesind, erkennt man das Her^ als das allergröfste und am mei-
70 EntwIckelungsgeschicHte
sten en twickelteOrgaD. Das Herz, dessen zweimalige Achsenbewegung ich schon früher näher beschrieben habe, hat hier, aus leicht einzusehendem Grunde, eine veränderte Lage angenommen. Es liegt nehmlich beynahe senkrecht, nur höchst unmerklich nach lints geneigt. Was sein Volumen anbelangt,' so ist dasselbe ungemein grofs und die ohnehin verhältnifsmäfsig geringfassende Brusthöhle ist von der weifsen, körnigen und sehr weichen Herzsubstanz beinahe ganz aus- gefüllt, nur nach oben hin reicht das Herz nicht weit, desto tiefer aber nach unten. Die Herzform ist eine beynahe viereckige, doch bemerkt man schon deudich, dafs die Spitze des Herzens sich im grofsen Bogen zu wölben beginnt. Das ganze Herz beträgt übrigens an Gröfse und Gewicht ungefähr -j der ganzen Körpermasse. Die nähere Anordnung des Herzens betreffend, so ist die- selbe ungefähr folgende: Das ganze Herz besteht aus 5 Theilen, nehmlich: i und 2) zwey Vorhöfen, 5 und 4} den zwey Herzkammern und 5) den grofsen Ge- fäfsen. Die Gefäfsanordnung aber werde ich in einer eignen Unterabtheilung be- sonders betrachten und hier ausnehmend nur von dem Herzen sprechen.
§. LVI.
Zuvörderst also i) von den Herzvorhöfen. Dieselben bestehen aus einer weicheren, lockereren Substanz als der Herzkörper d. h. als die Kammern selbst, haben beynahe ein blasenartiges Ansehen, sind gewölbt und von einem flachen, weni gstens nicht deutlich gezackten Rande begränzt. Ihre Gröfse ist über alle Maafsen bedeutend. Sie liegen zu beyden Seiten der Kammern, dicht an dieselben an, und ragen nach oben hin bedeutend über dieselben hervor. Der rechte er- sheint etwas weniger gröfser als der linke, doch mag dieser Unterschied aller- dings nur ein scheinbarer seyn, indem der rechte stets mehr ausgedehnt ist als der linke ,, welcher faltiger und zusammengeschrumpft erscheint. ''-) Wenn mim die-
*) Dafs icTi hier von dem Heizen nach dem Tode der Frucht spreche, ^versteht sich ganz von aelbst.
des menschlichen Herzens. 7)
scn Umsland bcrücLsicliligi, ist man zu dem Schlüsse, dafs Lcydc Vorhöfc Ley- nahc von gleich grofsen Volumen sind, nicht ohne Grund bcrcchligL TJebri- gensislder Bau der Vorhöfc, welche blos eine vcrhällnilsmäfsig ungemein Steile Ilöhla darstellen, im höchsten Grade einfach und von den später zu beobachtenden com- plicirtcn Anwendungen ist noch keine Spur. Bcyde Vorhöfc comnmniciren durch eine so grofsc Oeffnung miteinander, dafs man beyde, physiologisch betrachtet, nur als eine Höhle ansehen kann und für wahr so ist es auch. Man erkennt nur auf dem Buden der Vorhöfe einen schwachen Wulst, als Andeutung der sich bildenden Scheidewand,
§. LVII.
2) Die Herzkammern oder lieber die grofse Herzkammer. — Es ist in der That schwer zu unterscheiden, ob man eine oder zwey Kammern annehr nien soll, denn die Theilung derselben ist noch höchst unvollständig. — Aeufser- Hch angeschen , erscheinen die Herzkammern , zwischen den beyden Vorhöfen mitten innen liegend, gleichsam als der eigendiche Herzkern oder Herzkör- per, und hiervon überzeugt man sich noch mehr, wenn man die überwiegende und aufliiUcnd grofse Stärke und Festigkeit der Wandungen betrachtet. Die äufserliclic Gesammtform der Hei'zkammern näher zu bezeichnen, ist ungemein schwer: die Abbildung diut es besser als die Beschrelhung. Hinreichend ist es zu sagen, dafs man noch keine Spitze des Herzens erkennt, sondern dafs an ilucr Statt die Kammern wellenförmig sich hier runden und dafs dieser Theil breiter als derjenige ist , von welchem man die Gefäfse abgehen sieht. — Die •wellenförmige, die untere Gränze des Herzens bildende Linie, zeigt aber deut- lich' schon äufserlich auf die Abtheilung des inneren Raumes in zwey Hälften hm. — Ja , diese Einkerbung an der unleren Fläche des Herzens scheint entwe- der die Ursache oder die Folge einer im Innern sich gestaltenden Scheide- wand zu seyn. Jetzt jedoch sieht man nur in der Herzkammernhöhle ein schwa-
79 , E n't w icke 1 u n g s g e s c li i c li t e_
ches Eniporwu ehern von älinlicliei- Substanz, aus welcher das Herz seiist gebil- det ist, und erkennt unzweideutig in demselben das erste Beginnen einer Schei- dung in rechte und linke Ilälfie. — • Denkt man sich übrigens die Scheide-? wand als vollkommen ausgebildet, so werden zwey sehr ungleiche Kammern entstehen, nehmlich eine rechte bei weitem kleinere und eine linke sehr beträchtlich g r ö fs e re. Dieser Unterschied ist so auffallend, dafs man unwillkürlich auf den Gedanken kommt, die rechte Kammer verdanke ihre Entstehung nur der Anwesenheit der linken, oder, man entschuldige den Vergleich, det rechte Ventrikel sey gleichsam eine anevrysmatische Erweiterung des linken. Beyde Kammern gehen übrigens gleich weit nach oben, die rechte reicht aber bei weitem nicht so tief herab als die linke. — Ein Unterschied in der Dickung der Wandungen findet eben so wenig statt, als man hoffen darf, die Anwesenheit von trabeculis carneis , jliusculis papülaribus , Valvulis seijii- lunaribus, milrallbus und dgl. zu enldccken. Die stärkste Vergröfserung zeigt diesem nichts ähnliches.
r §. LVIII.
5) Gefäfsbildung. Rücksichtlich der Aorta mufs ich unbedingt Meckel's 'Vi'ie es scheint , sehr genauen Angaben Glauben beimessen , indem es mir nie gelingen wollte, die Sache ganz deutlich zu erkennen. — Die Aorta entspringt iaus dem obersten Theile des Herzens, gemeinschaftlich aus beyden Ventrikeln, Hegt in der Mittellinie und steigt ganz grade in die Höhe, we- nigstens zeigt sie sich durch den rechten Vorhof hindurch nur äufserst unmerk- lich nach links gerichtet. Dem obern Ende der Vorhöfe gegenüber unter dem untern Ende des Anditzes (indem noch gar kein Hals vorhanden ist) spaltet sie sich. Mit Sicherheit sind nur zwey Stämme wahrzunehmen, welche sich nach oben gewölbt, nach unten concav, dicht über den oberen Rand der Vorhöfe hinweg, nach aufsen begeben. (Meckel). —
Von
des m cnsclili eil 0 11 Herzens. 73
Von clon Lungon sind nocli gar keine Spuren zu cnldcokcn , indem das Ilcrz slcli der ganzen Bruslliöhlc bcniäcliligl, liai. Von der Lu ngcnar ic r i c als S i a nun oder von einer Andeutung d e r s e 1 J) c n i s l c h e n ( a 1 1 s noch gar keine Sprache. — Wir werden erst später ilire ersten Spuren schwach gebildet vorfinden. —
Das venöse System ist schon deutlicher ausgebildet und reifer als das arterielle. — Seine Untersuchung ist zwar etwas schwierig, wenn man mit dem schneidenden Instrumente in der Hand den Verlauf untersuchen ^^'t]\ , leichter wird die Arbeit, wenn man unter passenden Umstanden die Gefafsc aufzublasen sucht und ihre Verästelungen verfolgt. — Das venöse Gefäfssystem des Unterlei- bes kennen v>ir bereits aus dem vorhergesagten. Man findet jetzt den soge- nannten Ductus venosus Arantii ungewöhnlich dick jedoch sehr kurz. Die Vena Cava inferior aber, überaus dünnwandig, sehr blutreich und von äufserst gros- sem Umfange, tritt zu dem Herzen hin und, mitten auf die hintere Wand der Leyden Vorhöfc slofsend, ergiefst sie sich so in ihre Höhle, dafs man unmög- lich bestimmen kann , welcher von beyden Hälften , ob der rechten oder ob der linken, sie angehöre. Nur die links hinsehende Piichtung des ganzen Stammes, scheint für die linke Vorkammer zu stimmen; doch ist auch dies unsicher, da der Stamm der Vena cava inferior nicht ganz deutlich in seinem Richtungsverhältnisse bekannt werden kann. —
Dieses ist ungefähr das Bild des menschlichen Herzens von der frühzeitig- Sien Periode , in welcher man es mit Sicherheit beobachten kann und von hier aus, als von einem festen Anhaltpunkte, können wir auch unsere Forschungen weiter fortsetzen , und das Herz durch alle Veränderungen hindurch bis zu sei- ner höchsten Stufe gelangen sehen. — Auf die eben gegebene Darstellung fus- send, -mll ich jeden einzelnen Abschnitt derselben in seinen Metamorphosen dar- stellen und es dem Leser überlassen , sich selbst ein zusammenhängendes Ganze
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74 E 11 t w i c k e 1 u n e s e e s c li I c h t e
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daraus zu lüden: icli glaube hierdurcli sowohl an Raum zu ersparen als lästige Wiederholilungen zu vermeiden.
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L Die Herzvorliöfe. §. LIX.
Die Herzvorliöfe verdienen es in jedem Falle vor den übrigen Herzgebilden den Vorrang zu haben , denn einmal sind sie die bei ■v^■eite^l am stärksten ent- wickelten Theile des ganzen Herzens und dann sind sie der Lage nach die obersten und diejenigen, an denen die auffallendsten Veränderungen vorgehen. — Nachdem das Embryoherz auf der Stufe ist, auf welcher wir es in den vor- hergehenden Zeilen gesehen haben , finden wir die nächste grofse Veränderung in dem Herzohre der rechten Seite. — Dieses nehmlich entwickelt sich so aufserordentlich rasch, und erlangt ein so bedeutend grofses Uebergewicht , dafs es an Volumen nicht nur den ganzen linken Vorhof, sondern das ganze Herz übertrifft, Durch dieses Wachsthum Ist die Herzkammer nach links gerichtet worden und das rechte Herzohr hat sich in die ganze rechte Brusthälfte gela- gert. — Die linke Vorkammer ist ganz unverändert geblieben , eben so wie jdie Höhle des rechten Vorliofes. An den vorgegangenen grofsen Veränderungen der rechten Seite hat auch die Scheidewand der Vorhöfe Theil genommen, denn dieselbe hat von unten nach oben an Höhe zugenommen und das ey- runde Loch hat deutliche Gränzcn «rhalten. Die Bildung der Scheide- wand zeigt es übrigens unläugbar, dafs das foramen ovale nicht in der Schei- dewand liege, sondern dafs dasselbe gleichsam hinter derselben weggehe. Die nähere ^Erörterung dieses wichtigen Punktes werde ich in der anatomischen Be- schreibung der Circulationsorgane näher darlegen. — Von der Klappe des ey- runden Loches ist durchaus noch nichts mit Deutlichkeit zu erkennen , obeleich
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mehr als ein triftiger Grund vorhanden ist, welcher es zu beweisen scheint.
cl c s menschlichen Herzens. 75
dafs diesclhc schon grbildcl soyn niufs. Iliic üLnaus grofse Zarllicll und Diin- nc sind Avalirscheinlich die Ursaclinn, ■welche ihr Erkennen hindern, „alr/ue oculoruin aciem ehidunl-'^ — Von der Eus la cli'sclien K I a ]) p c sieht, man gleichfalls nichts, doch scheint auch hier das, ■was "wir so ei)en von der Val- vula foraminis ovalis gesagt haben, seine AnAvendung zu finden.
§. LX.
Nicht sclu' rasch gehl jetzt die "weitere Enidiltung der Vorhöfc und über- haupt des ganzen Herzens •\'or sich. Es gleichet sich jedoch alluiälilig das grofse Mifsverhiülnifs zwischen dem rechten Herzohrc und der cigenllichen Vorkammer aus, und beyde fangen an zum Gleiehgcwichl zu kommen, obgleich noch immer die Auricula sinistra um vieles gröfser ist. Der linke Vorhof nimmt an der eben bemerkten Veränderung noch gar keinen, Anlhcil , sondern bleibt immer noch so klein und unbedeutend,, "wie "wir ihn bei seinem ersten Erscheinen im menschlichen Embryo gesehen haben. — Ungeftihr in der ach- ten Woche erst bemerkt man die linke Vorkammer rasch angewachsen und be- deutend ausgedehnt, ihre Wände sind etVFas consistenler als diejenigen des rech- ten Vorhofes. Der linke Vorhof lag bis jetzt mit seinem Boden höher als der rechte: jetzt aber, wo er eine bei weitem gröfsere Ausbildung erlangt hat, steigt er eben so lief herab als jener. Dabei liegt, vermöge der Stellung der Herz- kammer dennoch der linke Vorhof el"\vas höher als der rechte, dieser letztere aber hat noch immer ein sehr entschiedenes Uebergewicht in allen Dimensionen , nur sind wie gesagt, die Wände elwas dünner als auf der linken Seile. — So wie aber der linke Vorhof gröfser geworden ist, beginnt auch sogleich die Au- ricula sinistra sich lebhaft zu vergröfsern und wenn die rechte mehr in die Breite sich ausdehnte, so tliul es diese so sehr in die Länge, dafs sie alle anderen Theile des Herzens überrasrt. — Nach Meckel^'s Messung ist das linke Ohr zwey Linien lang und -i L. breit, das rechte dahingegen i\ L. breit und
K 2.
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1 L. Iioch. Derselbe treffliche Anatom, Hat gleiclifalls eine Beobaclitung gemacht, die ungemein lehrreich ist, und um welche ich ihn in der That beneide, denn, trotz aller Mühe, trotz eines grofsen Vorraths von Embryonen aller Art, wollte es mir nie gelingen, den günstigen Zeitpunkt zu ergreifen. Für die Richtigkeit der MECKEL'schen Observation spricht übrigens vollständig das Kalbs - und Schaaf- embryonenherz. Piechts , nehmlich von der sehr weiten venösen Mündung der rechten Kammer liegt eine kleine Vertiefung an der Stelle des eyrunden Loches, aber keine deutliche Oejfnung , so dafs es scheinen könnte — wie Meckel sehr treffend und scharfsinnig bemerkt — als scy die Scheidewand noch nicht durchbrochen und was später als EüSTACH'sche Klappe erscheint, jetzt noch ein Theil derselben.
Wie richtig diese Beobachtung ist, und wie viel Wahres in ihr liegt, wird der Verlauf meiner Arbeit erweisen. — Mir, wie gesagt, gelang es niemals fliese Anordnung anzutreffen, wohl aber glückte es mir in etwas älteren Embryonen, von ungefähr lo Wochen die EusxACH'sche Klappe und diejenige des eyrun- den Loches zu unterscheiden. — Dafs sie, oder vielmehr die Valvula fo- raminis ovalis schon frülier da sind, davon bin ich vollkommen überzeugt, allein in der loten Woche erkannte ich sie im starken Sonnenlichte und bei mäfsiger Vergröfserung deutlich und der Widers land, wenn man eine feine Borste aus dem linken Vorhofe in den rechten stofson will, beweifst ihre Gegenwart vollkräf- tig. — Ich fand stets die Valvula foraminls ovalis beinahe die ganze Oeff- nung verdeckend und halte mich daher zu glauben für berechtigt , dafs sie nicht allmählig und stufenweise gebildet, sondern auf einmal ihrer gröfsten Ausdeh- nung nach geformt werde. — Ihre Gestalt und sonstige Verhältnisse werden in diesem Alter des Embryo am treffendsten durch Wolff's Valvtila tubulifor- niis bezeichnet, denn in der That, die Klappe ist jetzt, wenn man sie unter Wasser in ihrer ganzen EntMtung betrachtet, schlauchartig oder kanal- jförmig und besonders an ilirem oberen Ende bemerkt man deutlich wie sie;
des m c n s c li 1 i eil 0 n Herzens. 77
sicli umsdilagciul, eine voltkonmifiic G cf al's m im dun g tlarslclli. — Die Eustach'- sclic Klappe ist von grofsin- Ausdehnung, sehr hieil und schcinl jclzl und noch chiige Woclicn späterhin in der Zeit ihrer lleiCe zu seyn. "Was übrigens die näheren VerhäUnisse dieses in jeder IIinsi(-hl so wicJiiigen Gebildes beirifTi., so verweise ieh den Leser auf den drillen Absclinlll dieser Schrifl, "vvo er das Nähe- re finden wird.
§. LXI.
Die beiden Vorhöfc sind noch immer nur Iiöchsl unvollkommen durch die Scheidewand getrennt, denn das eyrunde Loch hat verhällnifsmäfsig eine ononue Gröfse und die Scheidewand ist sehr unvollkommen und schmal. Acus- scrlich dahingegen haben sich die Yorhöfe sclion bey weitem deutlicher gestaltet. Man erkennt zwischen beyden eine scharf gezeichnete Gränze. Ceyde Vorhöfe stehen jetzt in einigem Verhältnisse, indem der linke sich in allen seinen Thcilcn betrachtlich ausgebildet und bey nahe, doch nicht ganz, den Umfang und die Gröfse des rechten erhallen hat. Dabey liaben die Herzohi'cn die noch jetzt , so wie vorher, die gröfslen Thcile sind, sehr viel an Bestimmtheit der Form gewon- nen, das mützenfbrmige Ansehen ist jetzt unverkennbar, und die Ränder, die früher glatt, später wellenförmig gebildet waren, haben nun ein sehr deutlich gezacktes oder vielmehr stark und häufig eingekerbtes Ansehen bekommen. Die Herzohren beyder Seiten, ragen ungemein weit nach vorne hervor, bedecken die Wurzeln der grofsen Gefiifsslämme und berühren sich gegenseitig auf der Mittellinie des Her- zens. Grade um diese Zeit, also ungefähr in der lo — iiten Woche, erkennt man mit voller Gewifsheit das Muskelgew^ebe der Vorhöfc und dieValvula Thebesh erblickt man sehr bestimmt. In manchen Herzen ist die Oeffnung der Vena magna cordis im rechten Vorhofe so grofs, dafs dieselbe derjenigen der Vena cava superior vollkommen gleich ist. Die Scheidewand der Nebenkammer wird dicker, musku- löser und höher und die Vorhöfe haben jetzt die Einrichtung erhalten, welche in
78 E n t w i c k e lungsgeschichte
allen ihren Tlieilen zu betracliten , die Hauptaufgabe meiner Schrift "v\'ar. Ich breche somit hier ab , um einen anderen nicht minder -wichiigen Theil des Herzens in seinen Bildungsstufen zu verfolgen, nehmlich
IL Die Herzkammern. §. LXIL
Und auchTiier gehe ich meder von dem Herzen, vrelches ich frühei-hin näher bezeichnet habe, vs^eiter aufvi^ärts fort, bis zu dem Fötus von ungefähr 5 vollen Monaten. Einige Wochen hindurch und namentlich bis zur yten oder 8ten bleibt die in- nere Einrichtung der Kammern unverändert dieselbe, \vie viir sie bereits kennen gelernt haben d. h. nehmlich, es bleibt die linke Herzkammer die bey w^eiiem überv^iegendere und zwar in dem Grade, dafs es nicht gefehlt ist, v^enn man den ganzen Herzkörper als aus einer Kammer mit einer kleinen rechten seitlichen Erweiterung bestehend betrachtet. Was die äusseren Umrisse anbelangt, so bleibep sich dieselben bis zu dem bezeichneten Zeitpunkte völlig gleich, v^^enig- stens wage ich es nicht hier auf wesentliche Unterschiede aufmerksam zu machen, indem ich gesehen habe, dafs die Herzform in dieser Hinsicht gar sehr vieles In-, dividüelle hat und dafs man hier leicht in Klelnigkeitskrämerey und Lächerlichkeit verf-illen kann. Das Constanteste in der "anzen äusseren Herzform scheint die Ein- Senkung am unteren Herzrande zu seyn, welche die Andeutung der inncrn Abdiei- lung in zwey Höhlen ist, und noch aufserdem die beynahe vollkommene Gleich- heit der Gröfse des untern und obern Randes des Herzens. Der untere Rand ist aber immer gewölbt und schärfer als der obere. Die Herzkammern, weiche wir ursprünglich fast senkrecht stehend gesehen haben, nehmen schon sehr bald und zwar zu der Zeit, wo das rechte Herzohr sich so plötzlich vergröfsert, eine etwas nach links sehende Richtung an. v
des in c n s c li 1 1 c Ii c n II c r z c n s. 79
Der wescntliclisie Uniorscliied in der inneren Einrichiung der Vcnlrikfl, wd- clicr sidi hoy dein sclir langsamen Wadiscn der linken ITer/lianinier, wo- bcy die rcrliic unverändert hioll)!, zoigi, ücgi in der Scji c id eAvand der Kam- mern. Dieselbe Avic gesagt, "wächst stets von unten nach oben zu, "wird etwas stärker und läfst zwischen ihren Fiebern eine ziemlich grofse mit wulstigen Rän- dern umgebene eyförmige OcfTnung, welche mit ihrem stumpfen Ende, dem un- tern Rande des Herzens zugewandt ist. Die Communlcalion zwischen beyden Hcrzkanmiern ist auf diese Weise ganz frej und ungehindert.
§. LXIil.
In Herzen aus Embryonen von der Stcn "Woche ungefähr, findet man den ersten merklichen Unterschied im Verhältnisse der beyden Kammern gegen einan- der. Die rechte Herzkammer, als die bcy weitem kleinere, fängt an etwas langer und breiter zu werden, doch gewinnt sie schneller an Länge als an Rreite. Die- ses Waclislhum des Herzkörpers verändert einigermafsen auch die äussere Herz- form, doch ist das wichtigste dabey, dafs jetzt die erste Bildung der Herzspitze geschieht und zwar auf folgende Weise: Man erinnre sich, was ich gleich anfäng. lieh von der Einkerbung in dem untern Herzrande gesagt habe. Diese Einkerbung bleibt unverändert stehen, allein unmittelbar rechts neben ihr drängt sich die rechte Herzkammer, als wie von einer innern mechanischen Kraft herabge- drüclit, abwärts und die natürliche Folge davon ist, dafs zwischen bevden Herzkammern ein Einshnitt gebildet wird. Daher erscheint denn auch die Spitze des fri'dislcn Embryoherzens gabelförmig gcdieilt, doch sind die beyden Enden der Kammern nicht gleichförmig gestaltet: die linke ist schärfer als die rechte , welche noch sehr abgerundet ist.
§. LXIV,
Von nun geht das Wachslhum beyder Kammern überhaupt und dasjenige
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der rechten insbesondere sehr lebhaft vor sich und z^war so, dafs nicht nur der Herzkörper oder die beyden Kammern sich dem Normalverhältnisse nähern , sondern die rechte Kammer ganz besonders gewinnt so sehr an EntivlcLelung m die Läno-e,^ dafs die vorher viel kürzere rechte Kammer, jezt schon elfl'as länger als die linke , jedoch noch nicht so geräumig als sie gev\'Orden ist. '-') — Ein wesentlicher Unterschied in der Dicke und Festigkeit der Herzwandungijn , fiel mir nis jetzt noch nicht auf, doch mit einem male , bei einem Embryoher- zen , welches ich aufbewahre , wo die rechte Kammer länger als die linke , tmd ihr Cavum beinahe eben so grofs als dasjenige der benachbarten Herzkammer ist, zeigt sich deutlich die sehr verschiedene Dicke und namentlich läfst sich leicht die überwiegende Stärke der Wände der linken Herzkammer unterscheiden. In diesem Herzen erkannte ich auch zuerst vollkommen deutlich das Muskelgefleehte und das noch zarte Netz der sogenannten Trabeculae carneae. —
§. LXV. •
Die natürliche Lage im Thorax , welcher jetzt schon die beyden deutlich slhtbaren Lungen in sich aufo:enommcn hat, ist noch immerhin eine nur schwach nach links geneigte, wenigstens läfst sich dies beim linken Ventrikel durchaus nicht verkennen. — Eine sehr merkwürdige Lage des Herzens, welche in et- was älteren Embryonen vorkommt, ist die, dafs das kleine Herzchen mit seiner Spitze gradezu nach vorwärts gerichtet ist. Ich habe einen Embryo aus der Heidelberger anatomischen Sammlung vor znir, an dem diese Lage des Herzens ungemein deuüich ist. — Die Ursache dieser Stellung scheint in dem überaus schnellen Vergröfsern des rechten Herzventrikels , welcher ein grofses Ueberge-' wicht erlangt, zu liegen. In der That ist auch die Zunahme der rechten Herz- kammer
*) Keinem meiner Leser wird die höchst merkwürdige Uebereinstimmnng in der Entwickelung des rechten Vorhofes und der linken Herzkammer und des linken Vorhofes und der rechten Herzkan»mer entgangen seyn, — Was lälst sich hieraus folgern? —
des men seil liehe u Jicrzcus. 8J
lammcr so rasch und so bedeutend , dafs v'iv bei zwcy Monat ahcn Embryo- nen, dieselbe schon so grofs linden, dafs man Icichi zu dem Schlüsse vcrlcilct werden kunnle, sie und nicht die linke scy die vorherrschende von jclior gewesen. Was übrigens die Spitze des Herzens anbelangt, so hat dieselbe jetzt allerdings eine solche Gestalt angenommen, dafs ihr der Name Spitze, als dem schmälsten Theile des ganzen Herzens, zukommt. Sie ist sehr deuilicli z wey- spaltig und die Spalte reicht ziemlich hoch hinauf. Die rechte Herzkammer reicht tiefer als die linke herab , behält aber fortwahrend ein stumpferes Anse- hen. Hier verdient jedoch bemerkt zu werden, dafs es unrecht seyn würde, eine Norm für die Gestall der Spitze des Herzens aufzustellen: ich kann ver- sichern, dafs Abweichungen ungemein häufig sind, und dafs man Herzen von demselben Alter bald spitzer bald stumpfer, bald stärker bald schwächer findet.
§. LXVI.
Die Scheidewand der Kammern bleibt hinter dem Waehsthume der übrigen Theile des Herzens keinesweges zurück, sondern hält mit ihnen gleichen Schritt. Sie wächst soAvohl an Höhe als an Dicke und bald nach dem zweyten Monate bemerkt man von der früherhin bestandenen eyförmigen Oeffnung keine Spur mehr. Bcyde Vorhöfe sind von einander auf das Vollständigste getrennt. Dieses ist auch der Punkt, von welchem aus die Gestaltung und vollendete Ausbildung des Herzens und der Herzkammern mit starken Schrillen vor sich gehen. Die eigendiche Form des Herzkörpers unterliegt noch mancher Veränderung, die ge- nauer nur in der Natur selbst erkannt werden können. Das Beharrlichste in der äusseren Herzform ist, dafs beyde Kammern länger als breiter geworden sind and dafs der Längendurchmesser jetzt überhaupt das Uebergewicht erhalten hat. Was übrigens Meckel von dem Schwankenden in der Dicke der Herzwände anfülirt, und behauptet, bald sey die linke Herzkammer dickwandiger als die rechte, bald siellc sich das gegenseitige Verhältnifs wieder her, bald sey der rechte Ventrikel
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geräumiger als der llnie und bald sey der Unterscliied "wieder unmerklich, so Lake ich diese Angabe durchaus für Täuschungen, deren Grund entweder in der eigenthümlichen Todesursache, oder "was das allerwahrscheinlichste ist, in der ungleichmäfsigen Contractionstraft des Weingeistes, in "welchem die Embryonen aufbe- "wahrt "wurden , liegt. Mir "wenigstens ist es nicht vorgekommen , dafs, nachdem ich Herzen aus Früchten, die lange schon im Weingeiste gestanden hatten, unter- suchte und dieselben auch auf den ersten Anblick Resultate, denen von Meckel ähnlich, zeigten, das einmal beobachtete Verhältnlfs nicht, nachdem die Her- zen mehrere Stunden im Wasser lagen , -paeder hergestellt "v\'ordcn wäre. Ich hake mich daher für vollkommen überzeugt, dafs nachdem einmal sich der Un- terschied . in der Dicke der Wände und der Capacität der Kammern eingestellt hat, das gegenseitige Verhaken auch durchaus nicht mehr gestört -wird. Man mag aber das Embryoherz unter welchen Umständen man "will, untersuchen, so wird man stets fmden, dafs die Lagen dei' Muskelfiebern in ihm bey weitem zahlrei- cher und stärker sind als im Erwachsenen.
§. LXVil.
Während das Herz an Gröfse und edlerer Bildung gewinnt, verliert sich auch allmählig die gabelförmige Spitze desselben. Die Spitze wird deutlicher und stärker, und der Einschnitt der früherhin beyde Kammern von einander trennte, fiillt sich aus und läfst nur eine schwache Spur zurück. Dabey steigt die linke Kammer auch etwas tiefer herab als die rechte, während ein Paar Wochen früher grade das Gegentheil statt fand.
Wir hätten nun mit diesen wenigen Worten unseren Lesern die Hauptzüge geliefert, welche die Bildung der Herzkammern charactrisiren. Das Mangelhafte in der Beschreibung, welches ich recht gut fühle, v/erde ich suchen noch in der Folge zu ergänzen , für jetzt aber iiabe ich noch einiges zu sagen über
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III, Die gröfseren GcfäfsstämQic des Embryoherzens.
§. LXYIIT.
Die vorzüglichsicn unter denselben sind oflcnbar : i) die Aorta. 2) Die Ar- teria pulmonales- 5) Die Vena cava inferior und superior und 4) die Vena umbilicalis- — Einen jeden dieser grofscn Cefafsslämme will ich, so weil es in meinem Plane Hegt, liier verfolgen, docli crAvarle man jelzl noch nicht ein völlig geschlossenes Ganze zu finden, denn die Gcflifsnietamorphosen genau zu verfolgen, ist eine der allerschwierigsten Aufgaben, bey welcher die sich aufdrängenden Hin- dernisse nicht so leicht zu besiegen sind. Will man aber das hier Mitzulheilende mit demjenigen, was ich in folgendem Abschnitte zu sagen gedenke, zusammenrei- hen, so wird man hoffendich ein Bild haben, welches für unseren Zweck, nehm- llch den Kreislauf des Blutes im Fötus anschaulich zu machen hinreicht.
1) Die Aorta und 2) A- pulmonalis- Die Aorta fallt gleich beym Oeffnen der Bruslhölile als das bey weitem gröfste der aus dem Herzen entspringenden Gefafse in die Augen und unterscheidet sich sehr deutlich durch seine Silb er- weisse, seine Lage und seine Ursprungstelle. Was den Ursprung anbe- langt, so ist es schon gesagt worden, dafs derselbe sowohl im rechten als im linken Ventrikel zu suchen ist, denn die Aorta entspringt gemeinschaftlich aus bey den Herzventrikeln. Sie kommt aus dem oberen Rande des Herz- lörpers beinahe aus dessen Mitte, doch mehr nach, der rechten Seite als nach der linken hingeneigt , hervor. — Man erblickt das grofse Gefafs. von seinem Austritte aus dem Herzen an völlig frei und unbedeckt, denn der ganze linke Vorhof ist noch so klein, dafs er nirgends sich über die Ursprungfstelle der Aorta hinweglegt — Die Aorta erscheint daher auf den ersten Anblick als eine schlaucharlige Fortsetzung der Kammern selbst und unterscheidet sich auffallend von det Aorta In alteren. Embryonen, durch ihre verhiiltnlfsmäfslge höchst be-
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Iräclitliclie Stärke der Wände und Gröfse des Lumens. — Noch sielit man durchaus keine Spur einer Arteria pulmonalis und die Lungen lassen sich gleichfalls noch nicht erkennen. — Diese Anordnung der Dinge bleibt ziemlich lange in einem beinahe unveränderten Zustande. Die wichtiaste Ver- änderung, die vorgeht, ist ungefähr in der 6 — yten Woche das Erscheinen der Lungen, welche sich als kleine, körnige in eine schlüpfrige Feuchtigkeit eingehüllte Körperchen darstellen, welche zuei'st, wie dies Meckel unzweydeuiig gesehen hat, kleine Gefäfsäste aus dem unteren T heile der Brustaorta, wo auch die Lungen zuerst erscheinen, erhalten. — Die Aorta selbst ist noch immer dieselbe, nur gewinnt sie ein wenig noch an Stärke, und erhält eine etwas kräftigere Biegung, wobei das Geflifs mehr in die Mitte des oberen Herz- randes gerückt scheint,
§. LXIX.
Während sich in den Inneren Piäumen des Herzens die Scheidewände anfan- gen etwas mehr zu gestalten und die Lungen an Umfang gewinnen , geht eine der allermerkwürdigslen Veränderungen in der Aorta vor: Meckel war der erste, der hierauf aufmerksam machte, und nur ihm gebülirt das Verdienstalle späteren Beobach- ter darauf hingelenkt zu haben. Im äufseren Ansehen verliert oder gewinnt die Aorta gar nichts, allein sobald man sie durchschneidet und zwar sehr tief un ten am Ausgange aus dem Herzen, so siehtman, dafs ihr Lumen durch eine Schei- dewand in zwey Hälften gelheilt ist. — Diese Scheidewand scheint mir, wie alle übrigen im Herzen, sich von unten nach oben- zu entwickeln, und dieses Emporwachsen einer Scheidewand in der Aorta selbst ist die erste Andeutung der Theilung der Aorta in zwey Stämme ^ in einen rechten und einen linken , oder in die eigentlich sogenannte Aorta und die Arteria pulmonalis- Der Zeitpunkt, wo diese merkwürdige Metamor- phose statt findet, fallt in die siebente Woche, — Von jetzt an geht deni;
des mcn seil 1 Icli on ITerzons. 8j
aurh die EiiUvickolung luid Goslaltung clor Artcila pulnionalls rasch vonvärls. -^ Die S<hcidc-vvand aus ■/.^\c,y Blättern hosiohond , -wuchst noch eine kleine Slroclip empor. Durch die Kraft des jetzt gclhcilten Blutstroines, spaltet sich tief unten am Herzen die Seheidewand in ihre heydcn Bliitler und das erste isolirle AufircLcn der Aorla und Artcria pulmonalis wird beobachtet. Immer- während aber sind die Wurzeln beyder Gefäfsc durch Zellslofr mit einander vereinigt, — Eine nähere Entwickelung dieser Ansicht, soweit als sie auf dem Pfade der Beobachtung bleibt und nicht zur Ilypothesc Avird , behalte ich mir für die Lehre vom Ductus arteriosus BoTArjj vor. Als hferher gehörend mache ich nur noch darauf aufmerksam , dafs man bisher diesen arteriellen Gang sein- verkennt hat, und dafs derselbe in seinen Capacitätsverhältnissen zu den Lungenästen einen vollen Kreis von Vei-änderungen durchläuft , dafs er aber allemahl Im ganzen Fötusleben, vielleicht die letzten Paar Wochen nur ausge- nommen, ein sehr entschiedenes Uebergewleht über die bevden von der rech- ten Aorla abgehenden Lungenäsle behauptet. —
§, LXX.
Die Lungenarterie verdankt dem Umstände, dafs die Scheidewand die sich in dem Lumen der Aorla bildete, nicht genau dasselbe in zwey Hälf- len iheilte sondern der rechten das Uebergewicht liefs, eine gröfserc Weile als die Aorta , doch sind eben hierdurch auch ihre AVände von lockerer Tex- tur und geringerer Stärker geworden. — Dieses Verhältnifs bleibt das ganze Eni- brj'o- und Fötusleben über unverändert, und nur erst später, aus gutem phy- siologischen Grunde, wird es zerstört und das Gegenlheil tritt ein. — Die Aorla selbst erleidet fernerhin gar keine erhebliche Veränderung , aufser dafs auch sie mit dem Wachsthume des Herzens ein bestimmleres Verhältnifs an- nimmt und an Selbstständigkeit gewinnt. — Angeführt mufs es jedoch noch werden , dafs ungeflihr in der gten Woche die stark entwickelten Vorhöfe so
86 E 11 t w 1 c k e 1 u n g s g e s c h i c h t e
weit gegen die Mittellinie des Herzens liervorlrelen, dafs sie den ganzen unte- ren Theil der Aorta bedecten , ^tvas , ivie wir bereits gesehen haben , früher nicht der Fall war. —
Einige wenige Punkte, die ich hier bei der Entwickelungsgeschichte der beyden grofsen arteriellen Stämme des Herzens übergangen habe, sind nicht ver- gessen worden, sondern werden am passenden Orte noch nachgetragen wer- den. —
§. Lxxr.
3) Vena cava inferior und superior und 4) Vena umhilicalis. — Die erstgenannte Vene, nehmlich die unlere Hohlader, ist hinsichtlich ihrer Einmün- dung in das Herz, der am wenigsten verstandene und erkannte Theil in der Leh- re des Blutlaufes im Kinde, — Die sorgsamere Auseinanderseizung gehört in den dritten Abschnitt r für die gegenwärtige Skizze bleiben mir nur die äufseren Ver- hältnisse der obengenannten Venen nachzuweisen übrig. —
Die Vena cava inferior, als Stamm betrachtet, das stärkste und blutreich- ste Gefäfs in dem kleinen Embryokörper, tritt ganz ohne allen Zv/eifel vollkom- men in den linken Vorhof hinein und communicirl gar nicht mit dem rechten Atrio. — Dieselbe jedoch gelit beym Embryo, nicht so wie beim älteren Fötus, als einfacher Stamm in den Herzvorhof, sondern kurz ehe sie sich in letzteren einsenkt, nimmt sie noch ein bedeutendes, vom Kopfe herabsteigendes Gefäfs, nehmlich die Vena cava superior sinislra, auf — Diese linke obere Hohl- ader steigt beinahe ganz grade herab, ohne eine einzige beirächtliche Krümmung zu haben und nimmt mehrere venöse kleinere Gefäfse auf, die vorzüglich dein Halse anzugehören scheinen. Selten communicirt sie mit der Vena cava superior d extra, welche stärker und etwas länger als sie ist.
des mcnscliliclicn II crzens. 87
§. LXXII.
B'ic. fena cava supeiior dextru claliiiigcj^oii , ein hfstr.kluliches etwas wc- ninjos jii seinem VorlauCe von icchls nach links zu gcrlclilctcs Gcfafs , ofliieL sich mit einer Iriclilci-fonnig crweileler OefFnung in den oberen Tlicil des rechten Herzvorhofes. — Dieses Blulgcfafs ist i'ibrigens niclil das einzige, "welches sein Blut in das Atrium dextruni erglefst, es kommt auch eine nicht geringe Menge aus der Vena cava infciior dorthin, allein auf indircclem Woge, indem der üLcraus kleine linke Vorhof unmöglich alles Blut dieser grofscn Vene in sich fassen kann, und das sehr grofsc und unbedeckte foramen ovale das Ueber- slrömen des Blutes nach der rechten Herzhälfte hin nicht verhindert. — Ge- wöhnlich tritt in den rechten Vorhof, wie bereits gesagt ist, nur die eine Vene, nclnulich die V. cava superior dextra j zuweilen jedoch, allein selten, mündet auch noch in denselben die Vena jugularis communis slnis- tra oder vielmehr ein sehr beträchtlicher Zw^elg derselben: mit voller Gewlfshelt läfst sich hier nur schwer etwas bestimmen , und zwar deshalb well man , In dem Falle, wo die V e n a jugularis s 1 n 1 s t r a sich in das Atrium dextrum einsenkt, immer ein Verblndungsgefifs von derselben zu der benachbarten grofsen Vena subclavia slnlstra gehen sieht und daher leicht ein Fehlschlufs möglich Ist. Ei- nen der merkwairdigsten Fälle, wo diese Anordnung der Theile noch bis zum rei- fen Fötusalter stehen geblieben ist, findet man In Weese's Diss. de Ectopia cor- dis etc. p. 5o aufgezeichnet und Tab. VI. fig. I. p. g. abgebildet. Hier nehnilich verläuft die schon mit der Vena subclavia slnlstra zusammengetretene V. jugularis communis slnlstra zwischen dem Atrlo und dem Ventrlculo slnistro hin und öffnet sich mit einer eigenthümlichen Mündung In den rechten Vorhof. Ganz dasselbe Vorkommen beobachtet man auch im öwöchentlichen Embryo.
§. LXXIII.
In der Zell während, welcher sich die bejden Herzkammern und namentlich
88 "^ E n t w i c k e 1 u n g s g e s c li i c h t e
die reclite immer melir und molir entwlclvcln, verändert auch die untere Holil- vene ihre Lage und in der 'yteii Woche ungefähr scheint es schon, als ob sie durch den rechten Vorhof hindurch sich in den Knken einmünde. Die Ursache dieser .Lageänderung finde ich in dem überaus schnellen Wachsthum des Vorhofes der rechten Seite, 'welches anfänglich auf Kosten des linken geschieht, und bey "wel- chem es offenbar den Anschein hat, als werde ein Theil des Atrii sinislri und na- mendicli derjenige, wo die V. cava inferior in denselben tritt, mit in die Gränzcn des rechten Vorhofes gezogen. Trotz allem dem sieht man aber noch deutlich an der Richtung der ganzen unteren Hohlader und an der Art und Weise, wie sie sich in das Herz senkt, dafs sie gänzlich der linken Herzvorkammer bestimmt sey. Sobald aber späterhin sich bejde Vorhöfe bejnahc vollkommen gestaltet haben und man äufserlich und namentlich an der hinteren Fläche derselben die Gränzen beyder an einer weifslichen aufgeworfenen Linie erkennt, so verliert auch die Vena cava inferior etwas von ihrer Piichtung und der Insertionspunkt derselben wird in so fern modificirt , als jetzt die Vene unmittelbar auf die Mitte der ebengenannlcn Gränzlinie trifft, und hier sich einmündet. Ich schweige von den wichtigen wei- teren Verhältnissen dieses Blutgefäfses und verweise eben so die genauere Darstel- lung der beyden merkwürdigen Gebilde der Tunica intima dieser Vene, nehm- lich der Valvula Eüstachii und Valvula foraminis ovalis, auf den nächst folgenden Abschnitt meiner Schrift. —
Das fernere Verhallen der Vena cava superior ist ein wenig gekanntes. Wie und auf welche Weise die Vena cava superior dextra und die ins Herz sich mündende Vena jugularis communis sinistra zurücktritt, ist unbekannt , denn es fehlt durchaus an Gelegenheit zu einer Picihe von Beobachtungen. Das schnelle Wachsthum und die rasche Ausbildung des venösen Systems überhaupt und der Venarum jugularium insbesondere, scheint, in so fern diese letzteren das meiste für jene Venen bestimmte Blut aufiiehmen, das allmählige Schwinden
und
des menschlichen Herzens. 89
ündl Absterben der vorgenannten Bluigcfafse herbeizuführen. — Ccwifshcit in dieser dunklen Sache, wäre zu >vünschcn, fohlt aber durchaus.
§. LXXIV,
5) V^ena umbilicalis- — Ucber die Nabelvene habe ich hier nichts zu be- merken, indem sie in ihrer Bildung durchaus keine Veränderung erleidet, scjri- dern so, wie sie ursprünglich auftrat, auch bis zur Geburt des Kindes bcharrt. — Das einzige Abv\ eichende derselben liegt in der gröfscren und geringeren Dimension ihres Lumens. Je näher dem ersten Keime der Fiucht, desto kräf- tiger und blutreicher ist sie, je weiter gegen das Ende der ScliAvangerschaft , desto geringer wird ihr Verhullnlfs und die Menge des in ihr circuliercnden Blutes. —
§. LXXV.
Hiermit schliefse ich diese Skizze einer Entwickelungsgeschichte des mensch- lichen Herzens. Ich wünsche meine Aufgabe zur Zufriedenheit meiner Leser ge- löst zu haben und hoffe , dafs nichts Wesentliches übergangen worden ist. Dafs ich hin und wieder vielleicht zu kurz war , wird man mir nicht verargen, da ich nach nichts anderem strebte, als eine Bildungsgeschichte zu geben, durch welche ich in den Stand gesetzt würde zu zeigen, welcher Mittel die Natur sich bedient um den Kreislauf des Blutes allmählig so zu gestalten , wie wir ihn im 3 — 4 monatlichen Fötus kennen lernen. Hieraus erwuchs mir auch noch der Vortheil, dafs ich nun im Verlaufe meiner Arbeit das Ge- stirn nicht entbehre, welches allein im Stande ist, so manchen in tiefes Dun- kel gehüllten Zweifel zu erleuchten und die Wahrheil so lange kenndieh zu ma- chen , bis der heranbrechende Tag auch den letzten Nebel zerstreut. —
90 Entwickelungsgescliiclite des mensclillclien Herzens;
Ich verschmähte es, um der ohnehin beinahe etwas zu slark gewordenen Beschreibung, nicht noch gröfseren Umfang zu geben, den vorhergegangenen Selten einige Corollarien anzuhängen und auf mehrere überaus wichtige That- sachen hinzudeuten , welche für die Phvsiolooie von entschiedenem Interesse sind :
der Leser wird selbst finden, was ihm dienlich ist. Ich begnüge mich nur
diejenigen, welche eine bekannte neuere Lehre noch immer eifrig befehden, aufzufordern, sich selbst zu überzeugen, mit wie viel Beharrlichkeit die Natur das Herz von seinem Anbeginnen an durch alle Stufen der Thierreihe' hin- durch führt, um es zuletzt die gröfstmöglichste Vollkommenheit gewinnen zu lassen. -^— Mögten Männer von Fach doch bald die noch fahlbaren Lücken in dieser Lehre ergänzen, uns Aufschlufs über vieles noch nicht klar Eingesehene in der späteren Entwlckelungsgeschichte des Gefäfssystems geben, und sich da- durch nicht irre führen^ lassen ,,thai inuchhath hcen provcd, becäuse mach „halh beert said.^' — v
EIGENE
ANATOMISCHE UNTERSUCHUNGEN
ÜBER. DIE
CI RGÜLAT ionsorg A NE
IM
F O E T U S.
Frustra maitrmm expectatur augmentum in scientiis ex superinductione et insitione novoruni super vetera, sed inst a iir ati o facienda est ab intimis fundamentis , nisi perpetuo libet circumvolvi in orbe cum exili et quasi contemnendo progressii.
Baco. JVou. Organ. 51.
M 2
EIGENE ANATOMISCHE UNTERSUCHUNGEN
ÜBER
DIE CmCULATIONSORGANE IM FÖTUS.
§. LXXVI.
JAlach diesen vorausgcschickicn , einleileiidcn und vorLercilcnden Bemerkungen kann ich zu der anatomisclicn Betrachtung der Blutumlaufswege im Kinde, ■wel- ches noch nicht geathmet hat , übergehen. Es ist dieses der -wichtigste Theil meiner Schrift, indem nur hier die eigentliche Basis der Theorie von der Circu- latlou des Blutes im Fötus gesucht werden kann. Unpartheiisch und vorurlheils- frel glaube ich den Pfad betreten zu haben, denn ich ging von der festen Ueber- zeugung aus, dafs derjenige, v\^elcher mit vorgefafster Lieblingsmeynung zu Wcr- he schreitet, überall nur das Bild sieht, welches seiner Seele gleichsam zur lie- ben Gewohnheit worden ist. Es kann wohl niemals geschehen — dies läfst sich nicht läugnen, — dafs der denkende Forscher eine Untersuchung, sie trage Kamen welche sie wolle, beginne, ohne sich tief eingeprägt zu haben, was er eigentlich finden oder bestätigt sehen wolle, und in sofern hat er immer eine Ansicht , zu welcher er am meisten hinneigt , welche mit dem Gebäude sei- ner wissenschaftlichen Bildung am meisten harmonirt und welche in seiner in- neren Ueberzeugung tief begründet is:. Will man aber trotz dieser nur scheinbaren Unmöglichkeit, unpartheiisch und vorurlhcilsfrei bleiben, so kommt alles darauf ©n, unsere Untersuchungen nicht unserer Meinung, sondern diese jcucu
94- E i n 1 e i t II n g.
unterzuordnen. Wir sollen forschen um die Wahrheit zu erkennen , allein nicht unseren Theorien zu Liebe , sondern eines edieren Zweckes wegen. — Ist unser Glauhe der richtige, so wird er sich bewähren, ohne dafs wir es suchen!
§. LXXVII.
So einfach diese Bemerkungen sind, und so nahe sie auch einem Jeden lie- ,gen, der nicht in dem Gebiete der Wissenschaft uneingeweiht ist, so wird es doch Niemand läugnen, dafs es keine ergiebigere Quelle von Irrthümern und falschen Lehren gegeben hat und noch: giebt, als grade die Vernachlässigung des oben Erwähnten. Ich stellte deshalb, noch ehe ich meine Untersuchungen be- gann, diese Vorerinncrung auf, tlieils um mich selbst zu warnen, theils um auch andere , die nicht mit mir die gleichen Ansichten theilen , vom unbe- gründeten Widerlegen abzuhalten. — Es mangelte mir an Gelegenheit zu Ün7 tei'suchungen nicht, denn durch die Güte derjenigen, denen ich schon öffent- lich gedankt habe, wurde ich reichlich, mit Herzen von Embryonen und rei-. feren Früchten versehen. — Ich konnte daher ein und dasselbe mehrere male vergleichen, die Richtigkeit meiner Meynung bestätigt finden, oder ihre Un- haltbarkeit erkennen und zugleich die mancherley Abweichungen von der nor- malen Bildung einsehen. — Was ich daher in folgenden Seiten meinen Lesern, vorlege, ist eine treue Schilderung des von mir Gesehenen und in Präparaten Aufgehobenen. Die Abbildungen sind , wie es nicht anders seyn konnte , nach . der Natur mit Genauigkeit gezeichnet und dienen meinen Beschreibungen als Beleg.
Den ganzen Kreis von eigenihümlichen Vorrichtungen in den Circulations- organen des Fötus in zusammenhängend fortlaufender Beschreibung zu geben , schien mir nicht zweckdienlich und verständlich genug zu seyn , zumal da ich. das Mifsliche einer solchen Darstellungsweise nur zu deutlich in der Schrift eines der ausgezeichnetsten Autoren über diesen Gegenstand erkannte. Ich erwählte es.
9
Einleitung. 95
deshalb, alles Lleilicr Gcliöicndc in einzelnen U n t c r a 1) i h c i 1 u n g c n aufzuzclclinen und ha])c deren acht zusamnicngeslcllt, "vrclcbc sich in folgender Ordnung reihen:
I. Die El.MMÜNDüNG DER VeNA CAVA INFERIOR IJV DAS IIeRZ.
ir. Die Valvula Ecstaciiii.
III. Die VaLVULLA FORAMIMS OVALIS.
IV. Das FORAMEIV OVALE.
V. Der Ductus arteriosus Botalli,
VI. Die Arteriae pulmonales.
VII. Die Vena umbilicalis und der Ductus venosus Arantti,
VIII. Die Beschreibung des Herzens im ungeborenen Kalbe.
96 Einmündung dei' Vena cava inferior
Die Einmündung der Vena cava inferior in das Herz.
§. LXXVIII. '
Die Vena cava inferior, "welche aus zwey wahrenHäuten bestellt, nelmi- licli einer inneren überaus zarten iind dünnen und einer äufseren beträchtlich stärkeren, in welcher sich in der Nähe des Herzens sogar deutlich Muskelfiebern unterscheiden lassen, spielt in der Bildungsgeschichte des menschlichen Herzens, wie schon erwähnt worden, eine überaus wichtige Rolle und Pakder's Ansichten über diesen Punkt sind allerdings die richtigen. Was jedoch nur von Wolff schlechthin als höchst wahrscheinlich angenommen wurde, haben mich nähere genaue Untersuchungen vollkommen als bestätigt erkennen lassen. Die untere Hohl- ader nehmlich, tritt an das Herz hin und entfaltet sich hier zu einer weiten Höhle ^ dem Vorhofe des Herzens, "'') welcher späterhin durch das Septum atri- oruni in zwei ungleiche Hälften getheilt wird, welche beyde Hälften als innere Umhüllung eben die membrana intima Vense cavse haben. Diese Theilung bildet das Atrium dextrum und sinistrum, die jedoch beyde wiederum durch das in früheren Zeiten so ungemein grofse foramen ovale in Verbindung stehen. Wie viel Antheil an der Bildung der Vorhöfe die Vena cava superior habe, vermag ich nicht zu bestimmen, da ich mich hier offenbar in Muthmafsungen, die auf keinem sicheren Grunde ruhen , verlieren müfste ; dafs aber diese Vene imd besonders zu dem Zeitpunkte, wo noch zwey Vena; cavse superiores, nehmlich eine dextra und sinislra da sind, (siehe §. LXXI. p. S6 und 8y.) auch ihren Antheil habe,
ist wohl nicht zu verkennen.
§. LXXIX.
*) Wie unübertrefflich übrigens dies vom Haller erwiesen ist , lehrt die Eutwiekeltyigsgeschichte des Herzens.
, rjiil
ia das Herz. 97
§. LXXIX.
Die untete Hohlvene, clics bciraclulicli giofsc blulführcnclc Gcfafs, üITnct slcli im frühsten Enibryoullor vollkomincii in den //rt/;e/i Vorhof und kein Tropfen Blules ■würde diese Vene iii die rcelite Vorkammer ergiefson, "würc nicht das linke Atrium zu kloin um die ganze Menge des zugefiüirten Blutes zu fassen. In diesem Falle nun, da die Communicaliun zwischen bcyden Vorhöfen nocli offen und ungehindert ist, indem man "weder von EusTACu'scher Klappe, noch von dcijenigen des eyrundcn Loches eine Spur findet, strömt jenes Blut der Vena cava inferior, welches das Atrium sinistrum ni<']it fassen kann, in das Atrium dcxlrum hinüber.
Dieses VcihallniCs wahrt so lange, als die rechte Vorkammer die linke bcdcu^ tend überwiegt, fangt aber an ein anderes zu werden, wenn auch die linke zu ilirer gröfscrcn Enlwickelung gclpf^"' Die Vena cava inferior senkt sich zwar un- unterbrochen auch dann nn»' m ganzen Lumen in den linken Vorhof, •allein da doch durch die GrofiiC des linken Atrii und die hierdurch nothwendig bedingte Veränderung der wechselseitigen Lageverhällnisse der Vorhöfe, der Blut- strom der unteren Hohlader auch in seiner Richtung modifizlrt werden mufste, so schob die Gewalt des andringenden Blutes die zarte Tunica intima der Vena cava vor sich her und eesialtele zu oleicher Xelt sowohl die Valvula Elstachii als auch die Valvula foraminis ovalis, welche beyde also weiter gar nichts sind: ah Verlängerungen und Duplicaiuren der inneren Haut der unteren Hohlader.
§. LXXX.
Diese Ansicht widerspricht der allgemeinen Mcynung, indem es durchge- hends angenommen ist, dafs die Valvula EüstachiI früher da ist, als diejenige des eyrunden Loches j jedoch ich kann dem nicht abhelfen, denn die Wahrheit kennt keine Autorität. — Es unterliegt allerdings nicht dem geringsten Zweifel , dafs die Valvula Eüstacuh früher zu ihier Pfeife gelangt, als die Valvula foraminis ovalis,
N
98 Einmündung der Vena cava inferior
aber eine sorgräliige tlntersucliung "wird gewifs jedesmal auch lehren, dafs In demselben Augenblicke, -wo man die EusTACH'scbe Klappe findet, auch die Klappe des eyrunden Loches schon an der unteren Hälfte der eben genannten Oeffnuns in dem link«n Vorhofe, beobachtet •werden kann. Man hat sie übri- gens wahrscheinlich oft ihrer Kleinheit und Zartheit wegen übersehen, während die EüSTACH''sche Klappe schon eine merkliclie Gröfse erlangt hatte und daher um so schneller auffiel. — Ich empfehle daher zu diesen Untersuchungen ganz vorzüglich das Beli'achten des Gegenstandes und das Präpariren unter Was- ser, —
Die Ursache, warum sich die Valvula Eüstachii schneller und vollkommener entwik- kelt, als die ihr verschwisterte linke Klappe, scheint darin zu liegen, dafs der Blutstrom der Hohlader durch die beym Wachsthum des linken Vorhofes veränderten Lagever- hältnisse gleichfalls in seiner Sfrömungslinie etwas anders gerichtet, jetzt mehr kräftig auf die rechte Wand der Blutader als auf die linke drückt und daher ihre innere Haut rechts mehr liervordrängte , als links. — - Jedoch nicht lange währt , diese Kleinheit der Valvula foraminis ovalis , denn eben die Eüstach- sche Klappe, nachdem sie selbst den höchsten Punkt ihrer Ausbildung erhalten hat, trägt zum gröfseren und schnelleren Emporsteigen der Klappe im linken Torhofe bei , denn durch die EusTAcn'sche Klappe wird die Blutmasse mehr zusammengehalten, und ihre Kraft in dem ganzen Umfange des Gefäfses ausge- glichen, und an allen Punkten mit gleicher Intensität anströmend erhalten. — '■ Eine Folge hiervon ist, dafs dann auch die etwas zurückgebliebene linke Fal- te der unteren Hohlader ailmählig nach oben und links fortgeschoben wird und so die mehrmals erwälmte Klappe des eyrunden ^Loches in ihrer ganzen Voll- kommenheit darstellt, — Dafs der Einwurf leicht zu beseitigen sey, als sey das, in der unteren Holader strömende Blut seiner Kraft nach nicht im Stande dieses Hervorschiebeh der Häute nach zAvei Seiten zu bewirken, — wird der Vorurdieüsfreie gern zugestehen, wenn er sich die Beobachtungen und Versuche
in das Ilorz. 99
von Steno {Ada Hiivn. Vol. II. üI)s. XVI. Episi. ad Barth. Cent. VI. Epist. XXVI.) Lancisi (Makiierr, Pnid. in ßocrii. Insl. mal. T. II, p;ig. 80. 81.) IIallür (Op. nilii., T. JI. p. ?>()i.) Spai.lanzani (Exp. sur la Cirt-, p. oG.j.) unLcr den Ackeren und der neueren vom Grafen von Tredern, Magendik, Dölmnger und anderen ins Gedäclilnlfs rufen mIU, nach welchen bcslälligt -wird, mil wel- cher Kraft das Blut, durch die llohlvenen ins Herz, gelapgp. Wenn man dies in Erwägnng zieht, wird es leicht erklärlich, wie bei voranderlcr Richlun" der Blufvvellcn, die sehr lose und leicht vcrsschiebbarc innere Haut der Vene vor- wärts gedrängt werden kann. Uebrigens schreibe man die Entstehung der bey- den Klappen, welcher Kraft, welchem Triebe, welcher Lebensthätigkeit man •wolle zu, so bleibt die Thatsache doch unumstöfslich , dafs sowohl die eine als wie die andere dieser häutigen yVusbreitungen , die Fortsetzung oder viel- mehr eine Falte der ijinereu Haut der unteren; Hohlader ist. —
§. LXXXL
Betrachtet man nun die Lage, Form und Stellung^ der beyden Klappen zu einer Zeit, wo sie alle bejde gleich vollkommen gebildet sind, so kann man un- möglich lange über ihren Nutzen in Zweifel sejii, zumal wenn man die Vortheile und den Nutzen genauer berücksichtigt, der den beyden in Frage stehenden häu- tigen Gebilden von den Physiologen heutiger Tage zugeschrieben wird und man sich unwillkührlich bey näherer Erwähnung von der Nichtigkeit der angeführten Gründe überzeugt. Deshalb sey es mir erlaubt,^ einen Augenblick der Betrachtung dieser Behauptungen zu widmen r
§. LXXXIL
1) Die Klappe des ejrunden Loches habe die einzige Bestimmung,. (wenigstens weicht kein einziger Schriftsteller von dieser Ansicht ab,) den Rück-
N 2
JÖO Einmündung der Vena cava inferior
tritt desjenigen Blutes, welcLes aus dem rechten Vorliofe in den linken übergegangen ist, zu verhindern.
Sollte dies der einzige Nutzen seyn, so "würde die Natur in der That eine höchst unnöthige Vorrichtung getroffen haben, indem auch ohne dieses Haulchen derselbe Vortheil, dieselbe Absicht erreicht -werden "würde: denn man bedenke, dafs sich beyde Vorhöfc; im gleichen Zeitmomente fiillen , dafs beyde zu gleicher Zeit voll sind, und auch zu gleicher Zeit entleert werden. Wann -wäre also der Uebertritt des Blutes aus dem linken in den rechten Vorhof zu fürchten : in der Diastole? da kann nichts übertreten, denn beyde Vorhöfe sind leer und nehmen nur auf — in der Systole? — da ziehen sich beyde zusammen und das Blut kann nur in die von Blut leeren, ihm dargebotenen Räume, nehmlich durch die bej'den Ostia venosa in- die beyden Ventrikel strömen, unmöglich aber kann durch das fo- rameu ovale das Blut von rechts nach links oder umgekelMt, gepresst werden, da ja die beyden Vorhöfc zu gleicher Zeit gefüllt wurden und wie gesagt, das von den V^andungen zusammengeprefste Blut gewifs vorzugsweise dorthin geht, wo es gar keinen Widerstand zu bekämpfen hat, als dahin, wo es trotz der gröfsten An- strengung nicht hingelangen könnte. Man sieht also, dafs im Falle dieses Häutehen nicht geschaffen worden wäre , der Schöpfer es weder mit den Anhängern der SABATiER'schen Theorie , noch mit den Vertheidigcrn derjenigen Ansicht würde verdorben haben, welche behaupten, dafs ein von der Vena cava superiör und in- ferior gemischtes Blut in den linken Vorhof komm.e, indem letztere und erslcre von einer Vermischung nichts zu fürchten gehabt liäiten, aber ganz besonders mufs- te für Harvey, Haller und seine ganze Schule, die Valvula foraminis ovalis ihre volle Bedeutung verlieren , deim was hätte es nach ihren physiologischen Ansichten geschadet, wenn auch wirklich das Blut der beyden Vorhöfe sich vermischt hätte?
§. LXXXIII.
Aufserdem, wenn dieses Häutchen wirldich die Function einer Klappe verse-
in das llvrz. -JOJ
Iicn solllc, Iicgrcift. mna gar nichl, wie es möglich sey, dafs aus clor rcclilen Hcrz- lialfic, so viel Blut in die linke kommen könnle, als sie hcdarf, denn man hcdcnke nur, dafs die Valvula foraminis ovalls , deren oberer Rand lialhinondförmi" ausgo- schniUen isi und zwischen dem Arcus Vif.üssenm einen DurdiTang verslallet (so erklären es die nicisien Physiologen mit IIaller. welcher sagi. 1, c. Tom VJH, p. 38o: Is nunc sanguls eic. in foraminis ovnlis valvulam preinilur, cjusque partem superiorcni liberaru, ora seminulari incisajn, ab isthnio removet . . . .) in der na i urgemäfse n Lage des Fötus, nclmdich den Kopf nach unten grade umgekclirl liegt und dafs diese Oeffnung zum Durchgange des Blutes aus dem Atrio dcxtro in sinlslrum, simi nach oben — hier nach unten zu liegen komm t. So wie also der dri iie Theil des linken Vorhofcs mit Blut ge- füllt SC} n würde, — würde auch schon die Klappe fest angedrückt seyn, und kein Blut mehr hereinlassen j ja das in das Atrium sinislrum durch die Vcnae pulmona- les zurück fliefsende wenige Blut würde schon hinreichen, um diese ungelegene Thor- sperrc zu bewerkstelligen. Diejenigen dagegen, und namendich WiNSLOw und seine Nachfolger, die diese Widersprüche wahrscheinlich einsahen, — und behaupten, die Klappe wäre nur. deshalb da, um das foramen ovale nach der Geburt zu ver- schliefsen, mögen mir den Einwurf beantworten , w'arum ein Gebilde, welches erst liach der Geburt seinem Entzwecke entsprechen soll, schon in der Soten Woche in seiner höchsten Vollkommenheit da ist; eine Einrichtung, die mit der ganzen Bildungsgeschich le im AVidcrspruche steht, denn wir sehen, dafs alle Organe nur in dem Maafse, in welchem sie ihrer ihnen ursprünglich bestimmten Func- tion vorstehen , sich mehr und mehr gestalten und ihren höchsten schönsten Punkt erreichen. —
§. LXXXIV.
2) Was ff/e EcSTACu'sche Klappe anlangt, so sagt man, ihr Nutzen schei- ne derjenige zu seyn, das Blut der unteren Holilvene in das fora- ruenov alezuleiten.
j02 Einmündung der Vena cava inferior
Allerdings